Wir drehen keinen Film

Möglicherweise als älteste Debütregisseurin der Filmgeschichte darf sich Ulla Geiger nun bezeichnen, nachdem sie mit Mitte 60 „Wir drehen keinen Film“ realisiert hat. Doch nicht nur dieser Fakt macht die satirische Komödie um einen Schauspieler mit Bindungsängsten zu einem erstaunlich pointierten, überzeugenden Film.

Webseite: wirdrehenkeinenfilm.der-filmverleih.de

Deutschland 2017
Regie & Buch: Ulla Geiger
Darsteller: Michael Ransburg, Stefanie von Poser, Sonia Hausséguy, Claudia Helene Hinterecker, Andy Herzog, Stefanie Achatz, Ursula Berlinghof
Länge: 88 Minuten
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 19. März 2020

FILMKRITIK:

Im Normalfall ist der Weg zur Regie vorgegeben: Filmstudium, der noch einfach zu finanzierende Abschlussfilm, danach geht der Kampf mit den Gremien los, der im besten Fall ein wenig leichter wird, meist jedoch schwer bleibt. Ulla Geiger, Jahrgang 1951, ging einen anderen Weg. Erst studierte sie Mathematik, später Kunst, hatte diverse Jobs hinter den Kulissen bei Theater und Film.
 
Erst mit Anfang 40 begann sie Kabarett zu spielen, war zunehmend auch als Schauspielerin in Fernsehen und Film aktiv, doch ein Traum blieb noch unerfüllt: Einen eigenen Film zu drehen. Zusammen mit ihrem Hauptdarsteller Michael Ransburg hatte sie schon einen Kurzfilm realisiert, doch die Finanzierung eines Langfilms gestaltete sich schwierig. Doch dann hieß es schlicht und ergreifend: „Lass es uns einfach machen“ und die Arbeit ging los.
 
Eine Mockumentary ist das Ergebnis, ein fiktiver Film, der so aussieht, als wäre er eine Dokumentation. Protagonist ist Kurt (Michael Ransburg), ein Schauspieler, der sich in der Münchener Off-Theater-Szene einen Namen gemacht hat, aber aus vielerlei Gründen an sich selbst zweifelt. Aus diesem Grund hat er eine Kamerafrau engagiert, die sein Leben filmen soll. Nur zu privaten Zwecken sollen die Aufnahmen entstehen, „Wir drehen keinen Film“ betont Kurt immer wieder, wenn die nur KF genannte Kamerafrau (sie möchte anonym bleiben) mal wieder einen Kommentar aus dem Off einwirft, eine Szene aus Kurts Leben besonders lobt oder gar Ansätze zum Regieführen macht.
 
So begleiten wir Kurt bei seinem Leben, bei der Arbeit an einem neuen Theaterstück, Treffen mit seinem besten Freund Johnny (Andy Herzog), den Kurt bald an eine Frau zu verlieren glaubt, denn am Ende ist das natürlich das größte Problem und Thema in Kurts Leben: Die Frauen.
 
Nicht das er Probleme hätte, Frauen kennen zu lernen und ins Bett zu bekommen. Doch spätestens am nächsten Morgen setzt Kurts Reflex ein, beginnen seine Ängste vor Bindung zu wirken, vor den in seinen Augen viel zu anhänglichen Frauen, den Kletten. Schnell stellt sich heraus, wo die Krux liegt: Seine Mutter (Ursula Beringhof) ist die wichtigste Person in seinem Leben, ob Kurt will oder nicht.
 
Natürlich ist nicht zu übersehen, dass „Wir drehen keinen Film“ mit geringsten Mitteln entstand; die Schauplätze beschränken sich vor allem auf eine handvoll Wohnungen und Parks, nicht alle Schauspieler sind überzeugend und doch braucht sich Ulla Geigers Film nicht hinter vielen deutschen Debütfilmen zu verstecken. Im Gegenteil, denn Geigers Film hat etwas, dass viele Abschlussfilme von Filmstudenten nicht haben: Sie erzählt aus einem Fundus an Lebenserfahrung und ist vor allem dazu in der Lage, diese Erfahrung erzählerisch umzusetzen.
 
Bemerkenswert pointiert zeigt sie den stets mit anderen hadernden Kurt, einen Mann, der lange nicht verstehen will, dass seine Probleme bei ihm selbst beginnen. Aus langen Dialogszenen besteht der Film, meist in einer Einstellung gefilmt, die dem Geschehen zusätzlich Authentizität verleiht. Die ein oder andere konventionelle Entwicklung verzeiht man da gerne, denn am Ende ist „Wir drehen keinen Film“ ein überaus gelungener, genau beobachteter Film über den modernen Mann und seine Bindungsängste.
 
Michael Meyns