Wo ist Kyra?

Das Drama „Wo ist Kyra?“ des Regisseurs Andrew Dosunmu ist eine streng komponierte und wenig hoffnungsvolle Bestandsaufnahme eines Lebens am sozialen wie emotionalen Abgrund. Es geht um Trauer, lähmende Existenzangst und das Gefühl, nicht (mehr) gebraucht zu werden, still und heimlich hinten runter zu fallen. Die Charakterstudie hätte leicht als simple Betroffenheitskeule enden können – unter anderem dank der exzellenten Darbietung von Michelle Pfeiffer ist hier aber kein bloßer Thesenfilm, sondern ein reifes Sozialdrama entstanden.

Webseite: wo-ist-kyra.kinostar.com

OT: Where Is Kyra?
GB, USA 2017
Regie: Andrew Dosunmu
Darsteller/innen: Michelle Pfeiffer, Kiefer Sutherland, Suzanne Shepherd, Anthony Okungbowa, Babs Olusanmokun, Angela Pietropinto, Sam Robards
Laufzeit: 98 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 27. Juni 2019

FILMKRITIK:

Die Mittfünfzigerin Kyra (Michelle Pfeiffer) ist in den New Yorker Stadtteil Brooklyn gezogen, um ihre pflegebedürftige Mutter Ruth (Suzanne Shepherd) zu versorgen. Finanziell steht die geschiedene und verschuldete Frau schlecht da und lebt gemeinsam mit der Mutter von der Sozialhilfe, die Ruth monatlich per Scheck erhält. Als die Mutter stirbt und Kyra trotz täglicher Bemühungen keine Arbeit findet, entscheidet sie sich dazu, die Sozialleistungen illegal weiter zu beziehen. Auch der hilfsbereite Taxifahrer und Teilzeitpfleger Doug (Kiefer Sutherland) aus der Nachbarschaft kann Kyra nicht aus der Misere helfen.
 
Das Drehbuch von Darci Picoult und die strenge Inszenierung von Andrew Dosunmu (die beiden haben schon bei Dosunmus Debütfilm „Mother of George“ kollaboriert) lässt nur sehr vereinzelt flüchtige Momente der Hoffnung zu. Im Ganzen schildert der Film eine völlig trostlose Situation zwischen Trauer und Existenzangst. Ein Vorstellungsgespräch nach dem anderen verläuft im Sande, selbst jene, bei denen Kyra lediglich für den Mindestlohn plus Trinkgeld kellnern würde. Ohne dass es näher ausbuchstabiert wird, zeigt eine Szene, wie an Kyras Stelle eine jüngere Frau den Job bekommen hat. Die Gesellschaft hat keine Verwendung für Kyra, die mit jedem abknickenden Strohhalm ein Stück weiter verschwindet.
 
Bisweilen, etwa wenn mit Horror-Sounds unterlegte Zeitlupen das innere Dilemma der Protagonistin extrovertiert nach außen kehren, übertreibt es Andrew Dosunmu etwas mit der Dramatik. Andererseits ist die auf Effizienz, Optimierung und Erfolg ausgerichtete Gesellschaft nun mal eine Art Horrorfilm für alle, die nicht oder nicht mehr abliefern können oder wollen. Die im Film geschilderte Situation mag härter ausfallen als vergleichbare Schicksale hierzulande, doch auch in Deutschland enden Menschen wie Kyra leicht und unbemerkt auf dem Abstellgleis.
 
Die triste Grundstimmung überträgt der renommierte Kameramann Bradford Young („Arrival“) mit seiner feinen Arbeit ins Filmische. Manchmal sind die Figuren nur als Schattenrisse auszumachen, an anderer Stelle verschwimmt das Gesicht von Michelle Pfeiffer in der Unschärfe. In einer der ersten Einstellungen badet Kyra ihre Mutter, wobei die Kamera auf Distanz bleibt und den Vorgang in einem betont schmalen Bildausschnitt zeigt. Alle Konstanten, auch die Inszenierung, drängen Kyra an den Rand.
 
Ein Lichtblick im grauen Alltagsgeschehen, das viel mit reinen Bildfolgen und fast ohne Musik erzählt wird, ist das nuancierte Schauspiel von Michelle Pfeiffer, die sich nach ihrem ebenso starken Auftritt in „Mother!“ von Darren Aronofsky endgültig zurückmeldet. Dabei zuzuschauen, wie die von ihr gespielte Kyra den Schein wahren („Mir gehts gut“) und wieder Oberwasser gewinnen will, daran aber mit wehenden Fahnen scheitert, ist faszinierend und deprimierend zugleich. An Pfeiffers Seite brilliert auch der Charaktermime Kiefer Sutherland in seiner Rolle als Doug, der Kyra das Happy End vergebens auf dem Silbertablett serviert. Den abschließenden stummen Abspann hat sich die Geschichte eines ganz alltäglichen Untergangs jedenfalls redlich verdient. „Wo ist Kyra?“ ist ein Film der Dunkelheit – innen wie außen.
 
Christian Horn