Zeitgeist (#zeitgeist)

Vorsprung durch Technik – dieses Motto gilt für den menschlichen Faktor moderner Kommunikation nicht unbedingt. Für die Helden dieses Comedy-Dramas sind Facebook, WhatsUp, Twitter und Co. jedenfalls eher Fluch als Segen. Das digitale Dasein rund um die Uhr fordert Opfer im „RL“ (Real Life). Am Beispiel von sieben Familien zelebriert Jason „Juno“ Reitman unter anderem die Möglichkeiten und Gefahren der Porno-Inflation in virtuellen Welten. Es geht um die hysterische Angst besorgter Mütter vor dem bösen Internet, den Spaß von Teenager an nächtlichen Rollenspielen sowie dem sofortigen Zwitschern sexueller Erfolge. Der Bilderbogen aktueller Zeitgeist-Befindlichkeiten fällt leidlich amüsant und situationskomisch aus. So bissig, pfiffig und frech wie gewohnt ist dieser jüngste Reitman-Streich freilich nicht. Als Sahnehäubchen bleibt allemal ein Wiedersehen mit Dean Norris, einem der Kult-Stars aus Breaking Bad“.

Webseite: www.zeitgeist-derfilm.de

USA 2014
Regie: Jason Reitman
Darsteller: Adam Sandler, Jennifer Garner, Judy Greer, Dean Norris, Ansel Elgort, Kaitlyn Dever,
Rosemarie DeWitt
Filmlänge: 106 Minuten
Verleih: Paramount Pictures Germany
Kinostart: 11.12.2014
 

FILMKRITIK:

Der Weltraum, unendliche Weiten. Majestätisch fliegt die „Voyager“-Sonde durch das Universum, an Bord jene goldene Datenplatte mit Informationen über die Menschheit als Botschaft für Außerirdische. Mit diesem hübschen Bild über die ultimative Form von Kommunikation beginnt Jason Reitman sein Comedy-Drama über die Fallstricke sozialer Medien. Auf der Erde haben derweil sieben Familien in einer texanischen Kleinstadt ihre Päckchen mit der virtuellen Unterhaltung und der realen Liebe zu tragen. Da wäre zum Beispiel die Familie Truby. Papa Don (Adam Sandler) sucht sein sexuelles Glück erst auf diversen Pornoseiten und bucht dort schließlich eine maßgeschneiderte Prostituierte. Mama Rachel will ihr eingeschlafenes Liebesleben heimlich mit einer Online-Partnervermittlung aufmöbeln. Ihr 15-jähriger Sohn Chris ist derweil von virtuellem Lustgewinn längst frustriert: Als Zehnjähriger sah er seinen ersten Porno, mittlerweile fürchtet der Teenager, durch diese Überdosis etwas Probleme mit seiner Sexualität im realen Leben zu bekommen. 
 
Seiner Altersgenossin Brandy sind solche Gefahren völlig fremd, sie wird von ihrer hysterisch besorgten Mutter Patricia komplett überwacht, jede SMS liest die Mama mit und unterbindet rigoros alle Flirtversuche. Bei ihrer Selbsthilfegruppe warnt sie andere Eltern energisch vor dem bösen Internet. Joan und Kent (Dean Norris, der übercoole Hank-Darsteller aus „Breaking Bad“!) finden das alles zwar etwas albern – das gemeinsame Kichern ebnet dem Duo freilich den Weg zum fröhlichen Anbändeln. Weniger Glück mit der analogen Liebe hat Kents Sohn Tim. Der chronische Rollenspiel-Zocker hat sich im echten Leben heftig in die Außenseiterin Brandy verkuckt – die wiederum durch die Online-Sperren ihrer Mutter nur schwer erreichbar ist.
 
Bei den US-Medien musste sich der sonst gerne gehätschelte Kritiker-Liebling Jason Reitman diesmal reichlich Häme gefallen lassen. „Der erste Reitman Film, in dem der 36-jährige Regisseur wirkt als sei er 400 Jahre alt“ ätzte das New Yorker „Time Out“. Tatsächlich präsentiert sich der sonst so pfiffige Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten bei dieser Verfilmung des Kultromans „Men, Woman & Children“ von Chad Kultgen erstaunlich brav und bieder. Das alles ist nicht unkomisch, urkomisch (wie etwa „Up in the Air“) aber eben auch nicht. Die Thematik digitaler Entfremdung bleibt auf Talkshow-Niveau, die Botschaft letztlich so banal wie die episodenhaften Liebeleien mit den üblichen Teeniefilm-Klischees inklusive früher Schwangerschaft.
 
Als vergnüglicher Höhepunkt erweist sich das Wiedersehen mit „Breaking Bad“-Cop Hank Schrader alias Dean Norris. Dieser leinwandpräsente, charismatische Glatzkopf gibt den harten Hund mit weichem Herzen abermals auf grandiose Weise. Als Paradebeispiel für Coolness hätte Norris einen Platz auf der goldenen Datenplatte im „Voyager“-Gepäck allemal verdient.

Dieter Oßwald