Zwei ungleiche Schwestern

Les sœur fâchées
Frankreich 2004
Regie: Alexandra Leclère
Darsteller: Isabelle Huppert, Catherine Frot, François Berléand, Brigitte Catillon, Michel Vuillermoz
93 Minuten
Kinostart: 25. August
Verleih: Arsenal

Der Titel ist Programm in dieser französischen Komödie mit Starbesetzung. Isabelle Huppert brilliert als Martine, eine vom Leben enttäuschte Frau aus der Pariser Bürgerschicht, doch Catherine Frot, als ihre auf dem Land lebende Schwester Louise, steht ihr wenig nach. Es entwickelt sich ein bisweilen klamaukiges Gegeneinander, das immer wieder von geradezu brutal ehrlichen Momenten auf den Boden der Realität zurückgeholt wird.
 
Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Martine hat jung geheiratet und lebt mit ihrem Mann Pierre (François Berléand) und dem einzigen Sohn in einer edlen Wohnung in Paris. Spaß am Leben scheint Martine in keinem Moment zu haben, es ihr Recht zu machen ist nahezu unmöglich, ihren hehren Ansprüchen, ihrer Vorstellung von richtigem Benehmen zu entsprechen, ebenso. Erst Recht wenn man wie Louise eine lebenslustige Person ist, die sich um Konventionen keine Gedanken macht. Trägt Martine fast ausschließlich gedeckte Farben, kann sich Louise nicht von ihrem bunten Schal und einem sehr merkwürdigen Hut trennen. Zu sagen haben sich die beiden Schwestern dementsprechend wenig und so ist eine der ersten Fragen Martines wann Louise denn wieder abreist. Es ist eine Paraderolle für Isabelle Huppert, die schon so oft herbe, burschikose Frauen gespielt hat. Doch wie sie hier in einigen Momenten die Fassung verliert, ihre Schwester wegen Nichtigkeiten aufs übelste beschimpft, das überrascht dennoch. Und gerade diese Momente, wenn hinter die Fassade der Bürgerlichkeit geblickt wird, der schöne Schein durchbrochen wird, entstehen die bemerkenswertesten Momente des Films. Dann meint man die Verzweiflung der Figuren unmittelbar spüren zu können. Ihr Wissen, dass sie in ihrer Existenz gefangen sind, scheinbar dazu gezwungen eine von der Gesellschaft verlangte Rolle zu spielen, egal wie unglücklich sie dies macht. Besonders frappierend ist dies bei Martine zu beobachten, aber auch die Nebenfiguren, ihr Mann und ein befreundetes Ehepaar, haben sich ebenfalls längst mit ihrem banalen Leben abgefunden.

Einzig Louise ist mit sich und der Welt im Reinen, ist sich ihrer Defizite bewusst, stört sich aber in keiner Weise daran. Aus ihrer Unbekümmertheit ihrem unkonformistischem Verhalten in sozialen Situationen und den daraus resultierenden Gegensetzen zwischen den Schwestern, entsteht die Komik des Films. Manchmal fein und pointiert, oft jedoch in erstaunlich klamaukhaften Momenten ausgespielt, die nicht immer geschmackssicher erscheinen. Bisweilen mutet diese Mischung aus grobem Humor und fast schon brutal realistischen, kathartischen Momenten befremdlich an, als wären hier zwei völlig unterschiedliche Filme zu einem verbunden worden. Die Leichtigkeit, mit der etwa Francois Ozon in 8 Frauen überdrehten Humor mit präzisen, oft zynischen anmutenden Beobachtungen von Verhaltensweisen verband, erreicht Alexandra Leclère in ihrem Debütfilm zwar nicht – dennoch gelang ihr mit Zwei ungleiche Schwestern ein überzeugender Film, getragen von zwei exzellenten Schauspielerinnen!

Michael Meyns