00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Na endlich! Nach langer Pause wieder ein HELGE SCHNEIDER auf der Leinwand. Der meisterhafte Musiker und clevere Clown gibt sich nach neunjähriger Kino-Enthaltsamkeit erneut die Ehre als Doppel-00-Kommissar. Kaum hat er einen fiesen Po-Grabscher gefasst, muss er einen reptilienhaften Hühner- und Zigarettendieb ergreifen. Klar, dass ein Krimi à la Helge statt üblicher Fastfood-Story auf durchdachten Premium-Nonsens sowie wundersame Absurditäten vom Feinsten setzt. Im Gegensatz zum meist kleinmütigen Krimi- und Comedy-Genre erweist Schneider sich als der wohl innovativste, verwegenste und hintersinnigste Kino-Spaßmacher hierzulande: Ein durchtrieben charmanter Chaplin-Valentin-Tati-Clownklon aus Mülheim an der Ruhr. Für Fans ein Freudenfest, sowieso. Für alle anderen eine lohnende „Bist du zu schwach, ist er zu stark“-Mutprobe. Anno 1993 lockte „Texas – Doc Snyder“ über 1 Million Besucher und zählte zu den beiden erfolgreichsten deutschen Film des Jahres. Solche Traumergebnisse mögen heute utopisch anmuten – ein formidabler Publikumserfolg wäre diesem eigenwilligen Ausnahmekünstler freilich allemal zu wünschen.

Webseite: www.00schneider.senator.de

D 2013
Regie: Helge Schneider
Darsteller: Helge Schneider, Rocko Schamoni, Tyree Glenn jr., Peter Thoms, Willy Ketzer, Ira Coleman, Pete York, Salvatore Bonarrigo, Butterscotch
Filmlänge: 98 Minuten
Verleih: Senator Filmverleih; Vertrieb: Central Film
Kinostart: 10. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"…ein Helge-Schneider-Fest, mit einem charismatischen Kommissar, der auch mal Musik macht, der lässiger ist, als es Schimanski je war."
Berliner Zeitung

FILMKRITIK:

„Lachst du noch oder denkst du schon? Denkst du noch oder lachst du schon?“ – so ließe sich, frei nach „Ikea“, Schneiders fünfter Kinostreich überschreiben, in dem sich der hintersinnig lässige Clown wiederum als Doppel-00-Kommissar Roy Schneider präsentiert. Kaum hat er, in aufreizenden Frauenkleidern getarnt, einen Po grabschenden Sittenstrolch auf frischer Untat erwischt, muss er sich schon auf die Suche nach einem reptilienhaften Hühner- und Zigarettendieb machen. „Dorfpunk“-Autor Rocko Schamoni gibt diesen zischelnden, schleimige Flüssigkeiten spuckenden Gaga-Bösewicht Jean-Claude Pillemann als tapsiges, kettenrauchendes Ungeheuerchen, das geradewegs aus dem Ed Wood-Kabinett entsprungen scheint. Hochgradige Nikotinabhängigkeit herrscht gleichfalls unter den ständig paffenden Polizeikräften, allein der verschroben coole 00-Kommissar agiert völlig rauchfrei. Seine Leidenschaft gilt dem Kaffee („mit ein bis zwei Dutzend Stück Zucker“), dem alten, hydropneumatischen Citroën DS sowie seinem orangebraunen Pomeranian-Spitz, der auf den Namen Zorro hört und farblich prima zum Ledermantel des Ermittlers passt.

„Die Weiterentwicklung von Spannung ist Entspannung“, beschreibt Schneider sein Krimi-Credo. Entsprechend lässig bis jazzig lässt er seinen Kommissar den absurden Kriminalfall lösen. Aus dem Füllhorn der schrägen Figuren purzeln unter anderem ein gnadenloser Zahnarzt (mit bartloser Hitler-Maske!), ein penetranter Staubsaugervertreter, ein palavernder Psychologe, ein Patient mit Sack über dem Kopf, ein rustikales Bauernpärchen, zwei Klatschreporter im Schottenrock, ein einsamer Verkehrsposten auf seinem Podest, ein unglaublich junger Bankräuber sowie jene dicke Tante aus Amerika, deren Brüste aus umgeschnallten Kokosnuss-Schalen bestehen. Während der Held beim Ausfüllen des Lottozettels gern die bequemste Variante wählt, ist ihm beim Transport einer Waschmaschine kein Weg zu weit.

Das unaufdringliche Angebot zum Zitate-Raten reicht von Eddie Constantin über Schimanski bis zum „Elefantenmensch“, von ‚film noir’ über Chaplin bis Tati – „alles unbewusst eingebaut“, wie der Entertainer versichert. Visuell setzt Regisseur Schneider auf grobkörniges 16-mm Material mit ausgebleichtem Retro-Look und beim Soundtrack gibt’s natürlich Selbstgemachtes. Musikalisch kommt ohnehin das ganze Ensemble daher, statt Schauspielern übernehmen Musiker-Kollegen die Rollen. Nur beim Polizeichef gibt es eine Ausnahme – den spielt der Wirt aus Schneiders heimatlicher Lieblingspizzeria.

Zu Deutschlands fadem Comedy-Einheitsbrei bietet der kuriose Clown aus dem Ruhrpott seit über zwei Jahrzehnten eine amüsante Alternative. Auf der Leinwand braucht es solch eigenwillig einzigartige Pointen-Feinkost allemal. Die Pause bis zum nächsten Streich dürfte diesmal kürzer ausfallen – eine Fortsetzung hat der Nonsens-Maestro bereits angekündigt.

Dieter Oßwald