10 Sekunden

Der sprichwörtliche Augenblick, der alles verändert ist, Ausgangspunkt dieses bemerkenswert dichten Dramas. Lose basiert die Geschichte auf dem Flugzeugunglück von Überlingen, bei dem durch den Fehler eines Lotsen zwei Flugzeuge zusammenstießen. Der Film zeigt drei Figuren, die mehr oder weniger direkt mit dem Unglück verbunden sind bei ihren Versuchen, mit dem Trauma zurechtzukommen und mit ihren Schuldgefühlen bzw. denen ihres Partners zu leben.

Webseite: www.alamodefilm.de

Deutschland 2007
Regie: Nicolai Rohde
Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser, Nicolai Rohde
Darsteller: Marie Bäumer, Sebastian Blomberg, Filip Peeters, Hannah Herzsprung, Wolfram Koch, Anna Loos, Irm Hermann,
106 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Alamode Filmverleih
Kinostart: 2. Oktober 2008

PRESSESTIMMEN:

Raffiniert erzählt, toll gespielt.
Kultur-Spiegel

Weitere Pressestimmen auf film-zeit.de…
 

FILMKRITIK:

Eine Einblendung noch vor dem Titel weist darauf hin, dass das folgende reine Fiktion sei und nichts mit wahren Ereignissen zu tun hat. Es mutet seltsam an, dies zu lesen, denn niemandem, der in den letzten Jahren Zeitung gelesen oder Fern gesehen hat, wird entgehen, dass „10 Sekunden“ das Flugzeugunglück von Überlingen als Ausgangspunkt nimmt. Am 1. Juli 2002 waren durch einen Fehler eines Fluglotsen zwei Maschinen zusammengestoßen, 71 Menschen starben. Knapp ein Jahr später erlangte das Unglück eine zusätzliche tragische Dimension nachdem ein russischer Mann, der seine Frau und zwei Kinder verloren hatte, den Fluglotsen tötete. Bis ins Detail folgt der Film dieser Tat, flechtet sie aber gleichzeitig in ein Konstrukt aus drei Figuren, drei traumatisierten Menschen. 

Der Täter heißt hier Erik (Filip Peters), der mit dem Schuldgefühl lebt, seine Frau zu dem tödlichen Flug überredet zu haben. Einsam streift er durch Leipzig – wohin die Handlung verlegt wurde – und trifft auf die junge Daniela (Hannah Herzsprung). Für einen Moment mag sie eine Art Ersatztochter sein, vielleicht auch eine Affäre, die Tat verhindern kann sie aber nicht.

Der Lotse selbst, hier Markus (Wolfram Koch) genannt, spielt nur eine Nebenrolle, wichtiger ist seine Frau Franziska (Marie Bäumer), die von den Schuldgefühlen ihres Mannes erdrückt wird. Längst hat sie sich in eine Affäre geflüchtet, das gemeinsame Leben ist nur noch Fassade und nicht zuletzt Markus Mutter (Irm Hermann in typisch verhärmter Irm Hermann-Manier) sorgt mit ihrer ständigen Anwesenheit für zusätzliche Irritation.

Und schließlich der Polizist Harald (Sebastian Blomberg), der als einer der ersten am Schauplatz des Absturzes war, der versucht hatte Erik daran zu hindern, zu den verkohlten Leichen zu gelangen, und mit dem Erlebten umzugehen versucht. Er ist die am wenigsten nachvollziehbare Person, sein Trauma, seine gespannte Ehe mit Svenja (Anna Loos) wirkt im Vergleich zu den beiden anderen Ebenen vergleichsweise harmlos und wenig zwingend. So liegt seine Funktion vor allem darin, ein Bindeglied zwischen den beiden anderen Figuren zu sein, zumal „10 Sekunden“ nicht als lineare Erzählung funktioniert. Alle drei Geschichten spielen in ihrer jeweiligen Zeit, ein paar Tage vor bzw. nach den anderen Erzählungen. Gelegentlich überschneiden sich die Geschichten, erfährt man im Fernsehen ganz nebenbei vom Tod des Lotsen, der in der anderen Ebene erst noch passieren wird. 

Ob diese Struktur wirklich notwendig ist, ob sie vor allem etwas zum Verständnis der Figuren, zur Vertiefung ihrer Traumata beiträgt, darüber kann man streiten. Stören tut die Verschachtelung der Erzählung zumindest nicht, im Laufe des Films vergisst man sie sogar mehr und mehr, was in erster Linie der Dichte einzelner Szenen zu verdanken ist, wobei besonders Marie Bäumer und Filip Peeters überzeugen. Und auch stilistisch ist „10 Sekunden“ gelungen, was vor allem der unprätentiösen Kameraarbeit von Hannes Hubach zu verdanken ist, die sich nicht zwanghaft um betont eindrucksvolle Bilder bemüht, sondern sich in den Dienst der Geschichte und der Charaktere stellt.

 

Michael Meyns

—————————————————————————————————————–

Vor ein paar Jahren nahe Überlingen am Bodensee. Zwei Flugzeuge kollidieren. 83 Menschen kommen ums Leben. Ein Fluglotsen-Versäumnis. Eine Tragödie.

„10 Sekunden“ ist kein Dokumentarfilm – aber er lehnt sich an dieses Unglück an, um zu zeigen, wie eine Handvoll Menschen wegen des Dramas leiden, innerlich verfolgt und aus der Bahn geworfen werden, wie einer sein Leben opfern muss.

Es sind der Fluglotse Markus Hofer, der die 10 Sekunden, durch die das Unglück hätte vermieden werden können, verpasste und den eine „Teilschuld“ trifft, sowie seine Frau Franziska, es sind der Polizist und seinerzeitige Helfer Harald Kirchschläger und seine Frau Svenja, und es ist Erik Loth, der bei dem Absturz Frau und Töchterchen verloren hat. Markus Hofer erdrücken Schuldgefühle. Er hat kein richtiges Leben mehr. Die Ehe mit Franziska ist nicht zu halten, die Frau sucht Zerstreuung bei ihrem Geliebten Clemens.

Harald Kirchschläger war am Ort des Geschehens. Seither verfolgen ihn diese Schreckensbilder. Und dort ist er auch dem herbeigeeilten Erik Loth begegnet, dem er, obwohl „Helfer“, nicht helfen konnte.

Erik Loths Leben ist kaputt. Er gab seine Arbeit auf, wurde apathisch, irrt nur noch umher, wird auch von Daniela, die sich ihm anbietet, nicht abgelenkt. Nur eines wird ihm immer bewusster: Er wird den Mann, der schuld ist am Tod seiner Frau und seines geliebten Kindes, töten. Kirchschläger ahnt den verzweifelten wenngleich sinnlosen Racheakt Loths. Er sucht diesen tagelang, will ihn stellen. Doch es ist zu spät.

Jeden schlägt das Furchtbare, Unabänderliche anders nieder. Erik Loth, Markus Hofer und Harald Kirchschläger stehen im Mittelpunkt. Wann wird Markus seine „Teilschuld“ überwunden haben? Ihm bleibt nicht genug Zeit. Wie sehr alles Kirchschläger getroffen hat, ist zu sehen, wenn auch nicht ganz nachzuvollziehen. Erik ist lebensunfähig geworden. Die Trauer hat ihn zum völligen Stillstand gebracht. Er hat eine mehrminütige Klageszene, die man als schauspielerische Glanzleistung bezeichnen kann. Wie denn überhaupt der Film durch darstellerische Leistung auffällt – Marie Bäumer (Franziska), Hannah Herzsprung (Daniela), Philip Peeters (Erik), Wolfram Koch (Markus), Sebastian Blomberg (Harald) – nicht aber durch eine Dramaturgie, der man ohne weiteres folgen könnte und die überzeugend wäre.

Thomas Engel