11 Freundinnen

Es sollte eine Neuauflage des Sommermärchens werden und endete mit einer Enttäuschung: Die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland. Doch trotz, vielleicht auch wegen des sportlich unbefriedigend verlaufenen Turniers ist "Full Metal Village"-Regisseurin Sung-Hyung Chos Dokumentation über die Frauen-Nationalmannschaft auf dem Weg zum Heim-Turnier eine differenzierte Darstellung des Frauenfußballs auf und abseits des Rasens geworden.

Webseite: www.11freundinnen-derfilm.de

Deutschland 2012 – Dokumentation
Regie: Sung-Hyung Cho
Länge: 102 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 23. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Was den Männern 2006 misslang, wollten die Frauen 2011 besser machen: Den Weltmeistertitel im eigenen Land erringen. Und die Chancen standen nicht schlecht, denn seit Jahren zählt die Deutsche Nationalmannschaft der Frauen zu den besten der Welt, war zweifacher Titelverteidiger und bereitete sich so akribisch wie nie auf das Turnier im eigenen Land vor. Hier setzt der neue Film von Sung-Hyung Cho ein, die sich nach den Metal-Musik- Fans in „Full Metal Village“ und den deutsch-koreanischen Paaren aus „Endstation der Sehnsüchte“, diesmal einer Gruppe von Menschen widmet, die zwar weniger skurril, aber nicht minder vielschichtig ist.

Fünf Spielerin der Nationalmannschaft stehen im Mittelpunkt, die nicht unbedingt exemplarisch für das ganze Team stehen, aber doch die Vielfalt der Mannschaft repräsentieren: Mit Dzsenifer Marozsán und Fatmire Bajramaj stehen zwei Spielerinnen mit Migrationshintergrund im Mittelpunkt, wobei die im Kosovo geborene Bajramaj zusätzlich geradezu offensiv dem Klischee einer Fußballerin entspricht, die sich vor dem Spiel schminkt, um auf dem Platz nicht nur gut zu spielen, sondern auch gut auszusehen. Des weiteren kommt Abwehrspielerin Bianca Schmidt zu Wort, die die Vorteile einer Sportsoldatin genießt, Stürmerin Anja Mittag, die in einem Amt arbeitet und Ersatz-Torhüterin Ursula Holl, die ein Fernstudium zur Ernährungsberaterin macht und neben ihren sportlichen Erfolgen vor allem dadurch Aufmerksamkeit erregte, dass sie eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einer Frau einging.

Die große Qualität von Chos Blick ist nun aber, dass sie solche Details nicht bewusst anspricht, nicht dezidiert in den Mittelpunkt stellt, sondern sie unterschwellig in ein vielschichtiges Gesamtbild einfließen lässt. Sie lässt den Spielerinnen viel Raum, über sich, ihr Leben, ihre Vorstellungen zu berichten, enthält sich aber jeglichen Kommentars. Und gerade deswegen gelingt es ihr, die Lage des Frauen-Fußballs so treffend einzufangen. Die Hoffnungen, die mit dem WM-Turnier im eigenen Land verbunden waren, wo Spiele in ausverkauften Stadien vor 60, 70 Tausend Zuschauern stattfanden, werden mit dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft kontrastiert, bei dem sich ein paar Hundert Zuschauer verlieren. Die Spielerinnen selbst hegen keine Illusionen: Von ihrem Sport zu leben ist für sie utopisch, doch mit den unter ständiger Beobachtung lebenden Männern wollen sie auch nicht tauschen.

Im Gegensatz zu Sönke Wortmanns patriotischem Jubelfilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“ bewahrt Sung-Hyung Cho stets gesunde Distanz zu ihrem Thema. Augenscheinlich hatte die Regisseurin zwar Zugang zu fast allen Bereichen, zeigt die Spielerinnen bei Foto-Shootings, in ihren Hotelzimmern und beim Reisen zwischen den Spielorten. Doch weniger die bloße Intimität solcher Einblicke interessiert sie, sondern der schwierige Spagat zwischen bewusst geschürten Erwartungen und dem schwierigen Umgang mit eben diesen Erwartungen. So entsteht in „11 Freundinnen“ ein vielschichtiges Porträt von Sportlerinnen, aber auch das einer Gesellschaft, in der der Frauenfußball seinen Platz sucht.

Michael Meyns

Der Frauenfußball hat noch immer Prestigeschwierigkeiten. Die Männer sind Stars, verdienen viel, stehen täglich in der Zeitung. Nicht so die Frauen. Sieht man jedoch diesen Film, kommt man wahrscheinlich schnell zu einer anderen Anschauung. Die Damen, vor allem jene, die Nationalspielerinnen sind, verdienen großen Respekt und einige Aufmerksamkeit – abgesehen davon, dass sie bereits zweimal Weltmeister waren.

2011. Im Sommer Weltmeisterschaft im Frauenfußball. Die deutschen Mädels wollen zum dritten Mal Weltmeister werden. Also heißt es vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten. Schon im Winter 2010 geht es los. Die Dokumentarfilmregisseurin Sung-Hyung Cho begleitet die Damen monatelang.

Manche der Damen können vom Fußball leben, andere haben einen Beruf oder befinden sich in der Ausbildung. Auch Soldatinnen gibt es. Ein Team wird zusammengestellt. Es ist jetzt noch umfassender als nötig und erlaubt. Einige Teilnehmerinnen werden später eine Absage erhalten und schwer enttäuscht sein.

Das Trainingsprogramm ist absolut unglaublich: joggen, weitspringen, sich in jede Richtung verrenken, Hanteln stemmen, Kopfball üben, Freistöße schießen, Slalom laufen, hüpfen, Torschüsse trainieren, Spielzüge einstudieren, massiert werden, mental vorbereitet werden, Interviews probieren – und das alles unter größter Kraftanstrengung, zweimal pro Tag. Monatelang.

Wer das sieht, geht sofort mit dem eigenen Körper ins Gericht und fängt wieder einmal an, Sport treiben zu wollen.

Dann im Juni/Juli das Turnier, die Weltmeisterschaft. Die Vorrunde wird geschafft, Nigeria weggeputzt, Frankreich weggeputzt. Jetzt kommen die Japanerinnen, das Ko-System hat begonnen. Verlängerung. In der 108. Minute gelingt den Nippon-Spielerinnen ein Treffer, den die deutschen Mädels nicht mehr ausgleichen können. Sie sind raus.

Fünf der jungen Frauen werden in dem Film näher befragt. Sie erzählen von sich, schildern ihre Gemütsverfassung, ihre Privatleben, ihre Pläne, ihre Sorgen auch. Es gibt also nicht nur Sport zu erleben, sondern auch viel Menschliches.

Die Regisseurin hat das sehr gut hingekriegt. Sie ist ja bekannt und professionell ebenso originell wie erfahren. (Sie hat z. B. „Full Metal Village“ gedreht.)

Ein sportlich wie menschlich durchaus sehenswerter Film.

Thomas Engel