11:14

USA, Canada 2003
Drehbuch und Regie: Greg Marcks
Kamera: Shane Hurlbut
Schnitt: Dan Lebental, Richard Nord
Musik: Clint Mansell
Darsteller: Hilary Swank, Rachel Leigh Cook, Patrick Swayze, Henry Thomas, Clark Gregg, Barbara Hershey, Blake Heron, Ben Foster, Rick Gomez, Jason Segel, Stark Sands
Verleih: 3L Filmverleih/Central
Länge: 86 Minuten
Kinostart: 1. September 2005

Die Verkehrung chronologischen Erzählens, des konventionellen „und dann“ hat jüngst mit Filmen wie Christopher Nolans „Memento“,, Gaspar Noés „Irreversible“ oder Francois Ozons „5×2“ zu sehr eindrucksvollen Ergebnissen geführt. Jetzt kommt mit „11:14“ der Debütfilm von Greg Marcks in die deutschen Kinos, der dieses Erzählmuster mit skurrilem Witz und bitterem schwarzen Humor unterlegt. Fünf Episoden werden in dieser Kleinstadtkomödie durch schicksalhafte Unfälle miteinander verbunden, die alle um 11 Uhr 14 stattfinden und damit dem Film seinen Titel geben. – Ein rasantes Werk, das auf engstem Raum dahinjagt und dabei sehr weit herumkommt – und das auch noch im Rückwärtsgang.

Alles beginnt mit dem Ende. Und dieses findet um 11 Uhr 14 mit zwei Crashs und mehreren Unfallopfern statt. In fünf zeitlich überlappenden, rückwärts sortierten Episoden wird die Vorgeschichte dieser Unfälle rekonstruiert. Wo fängt man da an zu erzählen? Bei dem angetrunkenen Autofahrer, der glaubt, einen Hirsch angefahren zu haben, aber dann die Leiche eines jungen Mannes neben seinem Auto findet. Bei dem abgebrühten Flittchen, dessen Lover auf dem Friedhof von einer steinernen Grabfigur erschlagen wird? Bei ihrem Vater, der tollpatschig darum bemüht ist, die Spuren dieser vermeintlichen Bluttat zu verwischen. Bei jenem dilettantisch durchgeführten Überfall, bei dem der Täter zuerst ganz unfreiwillig auf die Kassiererin schießt und dann mitanschauen muss, wie seine Freundin überfahren wird. Oder doch bei dem abgetrennten Penis, der einmal zu einem der drei Halbstarken gehört hat, die mit viel Alkohol im Blut und einem alten VW Bus durch eine Kleinstadt rasen? Auch wenn die eine oder andere Drehbuchidee nicht mehr ganz neu ist und der Dialogwitz manchmal etwas abgeschmackt daherkommt – Patrick Swayze und vor allem Hilary Swank in der Rolle einer etwas debilen Kleinstädterin verleihen „11:14“ auch schauspielerische Qualität. Und noch etwas macht diesen Film zum Glücksfall des Kinosommers 2005:
Im Uhrzeigersinn, im normalen Fortschreiten durch die Zeit, ließe sich dieser Film nicht spannend erzählen. Doch Regisseur und Autor Greg Marcks liebt das Spiel mit der Chronologie: „11:14“ wird konsequent rückwärts erzählt. Die Rückblenden enden immer da, wo die vorige angefangen hat, und Marcks gibt immer gerade so viel neue Information preis, dass die Spannung bis zum Schluss anhält. Dabei dreht er kaum merklich am Wahrnehmungsrad und manövriert alle Beteiligten, vor wie auf der Leinwand, auf jene Unfälle zu, die das Schicksal der Beteiligten miteinander unheilvoll verknüpfen. – Das Schicksal arbeitet hier im Akkord, und mit der virtuos inszenierten Überschneidung von Zufällen hat diese skurrile Kleinstadtkomödie sich wahrlich ein So-spielt-das-Leben-Zertifikat verdient.

Ralph Winkle