120 BPM

Eine der größten Überraschungen des diesjährigen Festivals in Cannes war Robin Campillos mitreißendes, emotionales Doku-Drama „120 BPM“, der die Aktivistengruppe Act Up und ihren Kampf gegen die AIDS-Pandemie schildert. Zu Recht gab es dafür den Grand Prix des Festivals und auch den Preis der Kritikervereinigung FIPRESCI.

Webseite: www.120bpm-film.de

120 battements par minutes
Frankreich 2017
Regie: Robin Campillo
Buch: Robin Campillo & Philippe Mangeot
Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Antoine Reinartz, Félix Maritaud, Médhi Touré
Länge: 144 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 30. November 2017

FILMKRITIK:

Paris um 1990. Die AIDS-Pandemie grassiert seit Jahren, doch die Entwicklung von Medikamenten, die die Erkrankung beherrschbar macht oder gar verhindern könnte, kommt nur langsam voran. Und auch die Aufklärung der Bevölkerung wird noch stark von homophoben Klischees behindert, die AIDS oft als „schwule Pest“ betrachten. Gegen diese Vorurteile kämpfen die Aktivisten von Act Up, einer Aktivistengruppe, die Anfang der 80er Jahre in New York gegründet wurde und bald Ableger in vielen westlichen Staaten hatte. In Paris zählte auch Robin Campillo zu den Mitgliedern, der seine persönlichen Erfahrungen in seinem dritten Film „120 BPM“ verarbeitet, der allerdings viel mehr als ein autobiographisches Dokument ist, sondern sich im Lauf seiner fast zweieinhalb Stunden langen Dramaturgie zunehmend vom genau beobachteten Doku-Drama zu einem berührenden Liebesfilm wandelt.
 
Viel Zeit verbringt Campillo anfangs im Vortragssaal einer Uni, in dem die Versammlungen von Act Up stattfinden. Ausführlich werden hier die Strukturen der Gruppe erklärt, die mit ihrer bewusst nicht hierarchischen Form, wie ein Vorläufer der modernen Occupy-Bewegung wirkt. Doch die Konflikte innerhalb der Gruppe sind nicht zu übersehen. Manche, etwa der HIV-infizierte Sean, plädieren für radikale Methoden, um die Öffentlichkeit endlich aus ihrer Ignoranz zu wecken, andere lehnen jede Form von gewalttätigem Aktivismus ab und vertrauen ganz auf die Kraft der Argumente.
 
Viel geredet und diskutiert wird also, innerhalb der Aktivisten-Gruppe, aber auch in Diskussionen mit Vertretern der Pharma-Industrie, deren Forschung in den Augen der Aktivisten viel zu langsam vorangeht. Doch Campillo spielt nicht eine Seite gegen die andere aus, schlägt sich nicht einfach auf die Seite der Aktivisten, so offensichtlich deren zunehmende Verzweiflung auch ist. Diese Zurückhaltung und Neutralität beeindruckt umso mehr, als Campillo über einen Teil seiner Vergangenheit erzählt, von Ereignissen, die er zumindest zum Teil selbst erlebt hat. Doch gerade dass sein Film nicht nur autobiographisch ist, er nicht einfach nur von sich erzählt, macht ihn so bemerkenswert.
 
Bestimmt anfangs ein dokumentarischer Blick auf die Strukturen der Bewegung den Film, wandelt sich der Tonfall nach und nach, fokussiert sich die Erzählung auf die sich entwickelnde Beziehung zwischen Sean und Nathan, einem Neuzugang unter den Aktivisten. Eine zunehmend intensive Liebesgeschichte entwickelt sich, die die anfangs abstrakten Diskussionen über das Virus, über medizinische Fachbegriffe, weichen zunehmend einer sehr persönlichen, emotionalen Ebene. Nicht mehr das Schicksal einer Gruppe, sondern das eines einzelnen Menschen steht nun im Mittelpunkt, das langsame Leiden und Sterben von Sean, der positiv ist, zwar Medikamente nimmt, die seinen Tod jedoch nur aufschieben können.
 
Ohne sentimental zu werden, erzählt Campillo von dieser Zeit, von Vorurteilen und Diskriminierungen, aber auch von der Hoffnung auf Änderung, vor allem aber dem Halt, den eine Gruppe dem Einzelnen geben kann, vor allem aber uneingeschränkte Liebe.
 
Michael Meyns