13 Tzameti

Festival-Erfolge und Kinoverwertung haben bekanntlich nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Dafür ist „13 Tzameti“ ein gutes Beispiel. Der Film von Gela Babluani gewann beim Sundance Film Festival und wurde als bestes Debüt in Venedig ausgezeichnet, kommt aber erst drei Jahre nach der Premiere mit kleiner Kopienzahl ins deutsche Kino. Dabei hat der Noir-Thriller eine packende Geschichte und fährt ein Figuren-Tableau auf, das einen schaudern lässt. Dem Kinogänger wird der Stoff womöglich schon bald wiederbegegnen. Es gibt Pläne für ein Remake in den USA.

Webseite: www.13-tzameti.de

Frankreich 2005
Regie: Gela Babluani
Buch: Gela Babluani
Darsteller: Georges Babluani, Aurélien Recoing, Pascal Bongard, Fred Ulysse, Didier Ferrari
Länge: 90 Minuten
Verleih: Weltecho
Kinostart: 13. März 2008

PRESSESTIMMEN:

Ein junger georgischer Emigrant in Frankreich gibt sich für seinen verstorbenen Arbeitgeber aus und nimmt ein ominöses Angebot an, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Er landet in einem makabren Russischen Roulette, bei dem reiche Männer viel Geld auf ihn und andere Todeskandidaten setzen. Spannender, kunstvoller, gesellschaftskritischer Schwarz-Weiß-Thriller. Zugleich eine sehr atmosphärische Reflexion über den Umgang mit Gewalt, die zwar von gezielten Schockszenen lebt, dabei aber nachdenklich macht und lange nachwirkt. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

„13 Tzameti“ ist in schwarz-weiß gedreht und spiegelt damit das überschaubare Spektrum, in dem sich seine Hauptfigur, der aus Georgien stammende Einwanderer Sébastien, bewegt: er oder die anderen, gewinnen oder verlieren, leben oder sterben. Dass es stets um alles geht, zieht sich als Motiv durch den ganzen Film. Vom ersten Moment an ist klar, dass es um die nackte Existenz geht. Sébastien haust mit Eltern und Geschwistern in einer winzigen Wohnung in einer französischen Stadt am Meer. Sein Vater ist krank, offensichtlich ist nur der Sohn in der Lage, Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen. Doch damit ist es vorbei, weil der neue Auftraggeber, bei dem der junge Mann das Dach repariert, offenbar nicht zahlungsfähig ist. Ein Ausweg scheint sich zu ergeben, als der zwielichtige Auftraggeber an einer Überdosis Morphium stirbt und Sébastien in den Besitz eines Briefes gelangt, von dem sich der Verstorbene die Lösung seiner finanziellen Probleme erhoffte. Mit der Zugfahrkarte, die er darin findet, hat er ein Ticket in die Hölle gelöst, er weiß es nur nicht, und als er es mit Schrecken zu begreifen beginnt, ist es zu spät,  um noch auszusteigen und das Trikot mit der Nummer 13 nicht überstreifen zu müssen. 

Ohne zu viel zu verraten: Man bekommt es mit einer radikalisierten Form Russischen Roulettes zu tun, die einem zeitweise dem Atem stocken lässt. Kritiker wiesen auf Michael Ciminos „The deer hunter“ als Vorbild hin, doch Gabluani ist kein Kopist, sondern treibt das Spiel mit den Kugeln mit überzeugenden Wendungen auf die Spitze. In einer geschlossenen Gesellschaft wird das Leben auf seinen existenziellen Kern entkleidet: überleben oder sterben. Dabei ist „13 Tzameti“ nicht nur Thriller. Die Parallelen zu den Gegebenheiten in der realen Gesellschaft, mit denen sich die Hauptfigur konfrontiert sieht, sind unübersehbar. Vermutlich fließen hier Erfahrungen ein, die der georgische Regisseur in Frankreich machte, oder die immer wieder hochkochenden Auseinandersetzungen zwischen Migranten und Polizei in Paris und anderswo, denen letztlich ein Kampf um Lebensperspektiven zugrunde liegt.

Es wird nicht viel geredet zwischen den Männern. Es dominiert die Körpersprache in diesem physischen Film, der von starken Energien lebt: Wut, Angst, Gewalt, Verzweiflung, Niedertracht. All dies spiegelt sich in den Gesichtern, die mitunter wie Porträts aufgenommen sind – Gabluani nennt sowjetische Stummfilme als Einfluss -, und von einem sorgfältigen Casting zeugen. Diese Schar von Verzweifelten und Kriminellen  sucht physiognomisch ihresgleichen. In den Gesichtern sind Lebensgeschichten eingemeißelt, die man nicht im Detail kennen möchte. Es gibt an diesem Film wenig zu beanstanden außer einer etwas unübersichtlichen Exposition, die es dem Zuschauer nicht leicht macht zu erfassen, wohin die Reise gehen wird. Doch dann kommt die kalte Mechanik des Räderwerks unerbittlich in Gang, und die kreischende Stimme des Zeremonienmeisters in diesem Todesspiel wird einem noch lange im Ohr bleiben.

Volker Mazassek    
 

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Mühsam hält sich der in Frankreich lebende Immigrant Sebastien mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Derzeit ist er für Mr. Godon mit Dachdeckerarbeiten beschäftigt. Godon ist drogensüchtig. Da wird Sebastien durch Zufall Zeuge eines Gesprächs, bei dem es um einen Brief an Godon geht, mit dem Geldprobleme gelöst werden könnten.

Jetzt stirbt Godon an einer Überdosis Morphium. Sebastien fällt der ominöse Brief in die Hände, und da damit eventuell viel Geld zu machen ist, geht der junge Mann der in dem Schreiben vorgezeichneten Spur nach. 

Aber was für ein Mysterium, was für ein Irrweg, was für eine Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gibt! Gefährlicheres, Brutaleres, Tödlicheres als das, was nun geschieht, gibt es wirklich nicht. Allerdings auch nichts Spannenderes. Ob am Ende Geld herausspringt und ob Sebastien dies alles überstehen kann, bleibt sehr die Frage.

Mehr über die Handlung zu sagen wäre in diesem Falle unfair. Aber soviel: Die Erfindung der Geschichte, der sich ständig steigernde suspense, die ausgesuchten Typen, die elegante Schwarz/weiß-Fotografie, die gewandte Inszenierung, die dezente Schauspielerführung und Darstellung, der logische, unentrinnbare Ausgang, sie sind von beachtlicher Qualität.

Ein film noir, ein wahrlich schwarzer Film, wie er im Buche steht. Aber auch ein absolut außergewöhnlicher Film. 

Thomas Engel