17 Mädchen

Ein geballter Frauen-Film aus Frankreich von geballter Frauen-Regie-Kompetenz. Die Geschwister Delphine und Muriel Coulin inszenierten eine Geschichte von 17 Schülerinnen eines Gymnasiums, die beschließen, allesamt schwanger zu werden. Dann können sie ihre Kinder gemeinsam großziehen. Die jeweiligen Väter spielen dabei keine Rolle. Es ist ein Film über das Erwachsenwerden, Verantwortung, Erziehung und über die Sehnsucht nach Freiheit mit allen Konsequenzen, auch der Konfrontation mit unvorhergesehenem. Er hat Kraft, das unterstreichen die prägnanten Farben und es ist ein kluger Film.
Ausgezeichnet mit einer „lobenden Erwähnung“ auf dem Internationalen FrauenFilmFestival Dortmund-Köln 2012.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: 17 filles
Frankreich 2011
Regie & Buch: Delphine und Muriel Coulin
Filmlänge: 87 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 14. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:

…so provozierend wie feinfühlig.
epdFILM

Das wahrhaftige Porträt einer verzweifelten Generation.
CINEMA

Ein ungewöhnliches Jugendporträt, feinfühlig und treffend umgesetzt und von hervorragenden Schauspielerinnen gespielt.
LE FIGARO

…mit einem Gefühl von Leichtigkeit können wir an diesem Traum teilhaben.
LE MONDE

FILMKRITIK:

Verstehen tut das keiner, weder Eltern noch Lehrer. 17 minderjährige Mädchen eines Gymnasiums in der bretonischen Hafenstadt Lorient beschließen, alle schwanger zu werden und die Kinder gemeinsam großzuziehen. Camille (Louise Grinberg) ist die erste von ihnen in anderen Umständen. Und, daß ist das bemerkenswerte an der Geschichte, die Mädchen halten zusammen, bekunden und leben Solidarität. Eigentlich typisches Merkmal eines französischen Films, doch die Story beruht auf tatsächlichen Ereignissen – in den USA.

Die Schülerinnen fühlen sich von Eltern, Lehrern und den Vätern – die Schwangerschaften sind meist auf kurze Abenteuer zurückzuführen – im Stich gelassen. Dennoch lassen sie sich von ihren pubertären Plänen nicht abhalten, gilt es doch ihre Vision von Zusammenhalt und neuem familiären Gefühl zu verwirklichen. Und Freundschaft gibt ihnen den Halt dazu. Abwehr und Unverständnis sind allgegenwärtig, um so enger klammern sich die Mädchen aneinander. Ihre Utopie von Freiheit in die Realität umzusetzen könnte beinahe gelingen, wenn nicht … .

Männer spielen nur marginal eine Rolle in "17 Mädchen", den Vätern wird eine intolerante Position zugewiesen, den jungen Liebhabern kann man größtenteils Unreife attestieren. Infolgedessen beherrschen die weiblichen Protagonisten das Bild, das von kräftigen Farben geprägt ist. Ihre Entschlossenheit und Zukunftshoffnung spiegeln sich darin. Daß sie auch Ängste und Unsicherheit kaschieren, muß man nicht ausdrücklich betonen. Die Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin bleiben immer dicht an den Gesichtern, beobachten sie, lassen das Geschehen laufen und vermitteln so ausdrucksvolle Studien von Menschen, die nicht mehr in der Pubertät leben, aber noch keine Erwachsenen sind und es so schnell wie möglich sein wollen. Die intensiven Bilder, im halbdokumentarischen Stil gedreht, vermitteln Kraft und Vitalität ohne die Zwischentöne zu vernachlässigen. Feine Studien sind das. Bilder vom Strand, den die Mädchengruppe oft aufsucht, zeigen in der Weite, der Offenheit des Horizonts auf unbegrenzte Möglichkeiten in der Zukunft hin. Rauhe Wetterlagen verdeutlichen die Rauhheit des gesellschaftlichen Klimas. Aber über allem steht die Frische und Natürlichkeit der Gesichter. Besonders Louise Grinberg ragt mit ihrer Mischung aus Selbstbewußsein, Sinnlich- und Verletzlichkeit hervor. Sie hat für ihr Alter schon eine gewisse Ausstrahlung. Die jungen Darsteller wurden sehr gut besetzt in diesem komplexen und klugen Film über das Erwachsenwerden.

Heinz-Jürgen Rippert

Mein Bauch gehört mir“ – so kämpferisch kommen die Mädchen nicht daher, die sich in dem mit leisem Humor erzählten französischen Drama der Schwestern Coulin zum Schwangerwerden verabreden. Die sensible Erzählweise verzichtet darauf, diese Geschichte nach einer wahren Begebenheit als Sensation auszuschlachten. Doch so richtig wollen auch die Konfliktspitzen, die solch ein ein Thema ja zweifelsohne hervorbringen kann, nicht stechen.

Ob es um die „Die Kunst zu lieben“ geht, um das Kunststück, als „Tomboy“ aufzuwachsen oder ob man dem „Haus der Sünde“ einen Besuch abstattet: Viele französische Filme haben in der jüngeren Vergangenheit das Understatement gepflegt, die angeblich typisch europäische Unaufgeregtheit, mit der sie von den Dingen erzählen, die wie die Sexualität mit großen Schauwerten zu bebildern oder wie die Zweisamkeit mit großen Gefühlen auszustaffieren wären.

Das hat uns jedenfalls Hollywood so beigebracht, und unabhängig davon, wie verlogen man dieses Pathos des Mainstreams auch finden mag, gehen wir ins Kino, um die Wirklichkeit zu sehen oder etwas anderes, Größeres? In gewisser Weise glauben auch die Schwestern Delphine und Muriel Coulin, die „17 Mädchen“ geschrieben und inszeniert haben, an das larger-than-life der Leinwand. Denn als im Jahre 2008 an einer High School in Massachusetts 18 Mädchen schwanger wurden, machte schnell das Gerücht vom „pregnancy pact“ die Runde – und wurde mittlerweile längst widerlegt, eine Absprache der Jugendlichen gab es wohl nicht.

Bei den Coulins freilich ist das anders: In Lorient, einer wenig einladenden Hafenstadt in der Bretagne, gefangen im postindustriellen Zerfall, zeigt Camille (Louise Grinberg), eine attraktive, beliebte 16-jährige, den Mädchen in ihrem Umfeld durch ihre plötzliche Schwangerschaft eine reizvolle Alternative auf. Die Außenseiterin Florence (Roxane Duran) überrascht als nächste mit der Nachricht, in anderen Umständen zu sein, und so wie allmählich Camilles ganze Clique mitzieht, festigt sich die Utopie einer Kommune, in der alle zusammenwohnen und die Kinder zusammen aufziehen wollen.

Die Treffen der Mädchen, ihr gemeinsames Träumen, daheim, am Strand oder bei einer Party, wo einige ihr Vorhaben in die Tat umsetzen wollen, strukturieren die Erzählung. Aus ihrem spielerischen, neckenden Miteinander gewinnt der Film seine schönsten Szenen, junge, teils schon rundliche Körper hocken, stehen, liegen da neben einander und verlieren sich im entspannten Gespräch. So ist die Körperlichkeit ohnehin das Medium dieser sanften Rebellion, mehr als einmal laufen ein paar verloren wirkende Mädchen, von deren tatsächlichem Selbstbewusstsein man ja weiß, in exemplarischen Bildern an den lang gestreckten Mauern der Industrieruinen entlang, einer öden, von Menschenhand geschaffenen steinernen Brache.

Doch letztlich bleiben die Ahnungen der Freiheit, des Ausbruchs und der Selbstbestimmung, von denen die Coulins erzählen wollen, zu sanft, und die Enge von familiärer Lieblosigkeit und mangelnden beruflichen Perspektiven erscheint noch zu weit. Die Handlung driftet ein wenig vor sich hin, nimmt sich zwar Zeit, die Seelenzustände der Protagonistinnen zu erkunden, verzichtet aber darauf, die angerissenen Konflikte wirklich zuzuspitzen. Die Ausnahme ist das latent gewalttätige Elternhaus der kindhaften Clémentine (Yara Pilartz) – und die Entscheidung, Clémentine in einem alten, zugigen Wohnwagen unterzubringen und so schon vor der Niederkunft die Phase der Kommune einzuläuten, könnte den Anfang vom Ende dieses schönen Projekts bedeuten.

Mit großer Leichtigkeit bewegen sich die Coulins durch ihre Geschichte, bis zum Ende verraten sie die Figuren nicht an Kitsch oder Krawall. Auf der anderen Seite hat diese ruhige Erzählweise eben auch etwas Lauwarmes, denn weder Freude noch Not werden so richtig greifbar. Im unbewegt rätselhaften Gesicht der vorzweigeschwangeren Louise Grinberg zeigen sich Faszination und Dilemma dieser Arbeit, die Stil und Eleganz zuhauf hat, aber keine rechte Verführungskraft.

Tim Slagman

Eine kleine französische Stadt in der Bretagne, am Meer gelegen. In die Schulklasse der 16-, 17-jährigen Mädchen geht auch Camille. Eines Tages stellt sie fest: schwanger. Nur eine Nacht – wer der Vater ist, sagt sie nicht. Es ist nicht wichtig. Ihre Mutter ist wütend, ihr Bruder versteht sie besser.

Jetzt kommt die Zeit des Nachdenkens: abtreiben oder das Kind behalten? Frei sein oder Mutter sein? Camille entscheidet sich. Sie wird das Kind bekommen.

Eine Klassenkameradin flüstert ihr zu, dass auch sie schwanger sei. Die Mädchen der Klasse, die eng befreundet sind und in allem zusammenhalten, verfallen auf einen ebenso verblüffenden wie pubertären Plan: Wir sollten alle schwanger werden, freier werden, es den Eltern heimzahlen, es den Lehrern zeigen, junge Freundinnen der zu erwartenden Kinder sein, es besser machen als die Alten.

In der Disco werden die dazu nötigen jungen Männer animiert. Mit der Zeit sind es über ein Dutzend Mädchen, die schwanger geworden sind. Allerdings ist dann alles doch nicht so einfach, wie die jungen Damen es sich vorgestellt haben. Es folgen die physischen Veränderungen, das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein, die Sorgen, die Zweifel, die unsichere Zukunft, die charakteristischen Probleme der Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein.

Das Tollste an der Sache: Der Fall ist tatsächlich eingetreten, und zwar 2008 an einem Ort in der Nähe von Boston (USA). Die Autorinnen und Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin (Schwestern) haben den Kasus für den Film nach Frankreich verlegt.

Die Mädchenschar, die das spielt, macht es sehr gut. Und überhaupt breitet der Film Situationen und Probleme aus, die die jungen Damen durchaus etwas angehen. Verhütung, Komplikationen, Schwangerschaft oder Abbruch, jugendliches Alter, Unterstützung durch die eigene Familie oder nicht, Schwangerschaft als Trotzreaktion gegenüber den Älteren, all das wird angeschnitten – in einer einigermaßen unterhaltsamen Weise.

Ein Film für ein jugendliches (weibliches, betroffenes) Publikum.

Thomas Engel