1917

Sam Mendes kann Arthouse („American Beauty“) und Blockbuster („Skyfall“, „Spectre“). Jetzt hat er ein Kriegsdrama inszeniert. In den Wirren des Ersten Weltkriegs schickt er zwei britische Soldaten tief in Feindesland, um eine schriftliche Botschaft zu überreichen. Ein Brief, der 1600 Leben retten kann. Das Besondere: Mendes hat seinen Film in einer einzigen Aufnahme gedreht – ohne Pause, ohne Schnitt. So gleitet die elegante Kamera durch die Schützengräben und nimmt den Zuschauer quasi mit.  Das ist ebenso spannend wie bildstark, ebenso genial wie überwältigend gemacht. In kleinen Nebenrollen sind Stars wie Colin Firth oder Benedict Cumberbatch zu sehen

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Daten

FILMKRITIK:

Dies ist der Film, über den im Vorfeld schon jeder Kinoliebhaber spricht, nicht so sehr seines Themas wegen oder der Stars, sondern wegen seiner Machart. „1917“, der neue Film von Sam Mendes „American Beauty“, „Spectre“), ist in einer einzigen Aufnahme und damit in Echtzeit gedreht. Es gibt also keinen Schnitt, Handlung und Zeit bilden eine unverbrüchliche Einheit. „Slice of time“ nennt Sam Mendes das – ein Ausschnitt der Zeit, bei der die Kamera (und mit ihr der Zuschauer) immer ganz nah bei den Charakteren  ist.

Das ist eigentlich nichts Neues: 2015 führte uns Sebastian Schipper in „Victoria“ in einer einzigen Einstellung durch das Nachtleben von Berlin, 2002 erkundete Alexander Sokurow auf dieselbe Weise die 35 Säle der Eremitage in St. Petersburg, nicht zu vergessen „Cocktail für eine Leiche“ von Alfred Hitchcock, der die ganze Sache aber als Experiment angesehen hatte, mit dem er am Ende nicht zufrieden war. Mendes hat die One-Shot-Einstellung nun perfektioniert. Dadurch, dass die Figuren ständig in Bewegung sind, ändern sich die Bilder, die Landschaft erscheint wie ein endloser Hintergrund, der dem Auge keine Ruhe lässt.

1917, in Frankreich tobt der Erste Weltkrieg. Die britischen Soldaten Schofield (George Mackay) und Blake (Dean Charles Chapman) erhalten von einem namenlosen Colonel, dargestellt von Colin Firth, einen hochwichtigen Auftrag: Hinter der Front ist nämlich einige Kilometer weiter eine zweite Frontlinie entstanden, die die Engländer unter Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) am nächsten Morgen stürmen sollen. Doch das ist eine Falle der Deutschen, die 1600 britischen Soldaten das Leben kosten kann. Schofield und Blake müssen also in aller Eile einen schriftlichen Gegenbefehl überbringen, um ihre Kameraden zu retten – ein Himmelfahrtskommando.

Von nun an verfolgt die Kamera die zwei Soldaten unablässlich, rückt ihnen auf die Pelle, umkreist sie, geht wie schwerelos hoch und runter, etwa beim Auf- und Absteigen auf einen Laster, sie nimmt den Zuschauer mit in die Kommandozentralen, auf die Schlachtfelder und, wie Stanley Kubrick in „Wege zum Ruhm“, in die Schützengräben und macht sie so quasi erlebbar. Dabei zeigt Mendes immer wieder die Grauen des Krieges: Einmal muss einer der beiden beim Überqueren eines Fluss über einen Haufen angeschwemmter Leichen robben, ein anderes Mal fassen sie versehentlich in die offenen Wunden von Toten. Ratten und Vögel machen sich an den Leichen zu schaffen, tote Pferde und Kühe überall.

Nach der realistischen ersten Hälfte nimmt der Film einen anderen, fast schon mythischen Ton an. Schofield, mittlerweile allein, gelangt in eine zerstörte Stadt, die nur von Leuchtraketen erhellt wird und darum bewegliche Schatten wirft. Auf der Flucht vor deutschen Soldaten gerät er unvermittelt vor ein lichterloh brennendes Haus – expressionistische Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Maßgeblichen Anteil an diesen Bildern hat auch die perfekt gestaltete Ausstattung, von den langen Schützengräben bis zu den unterirdischen Wohnräumen der Deutschen, vom verwüsteten Schlachtfeld bis zum einsam dastehenden, kahlen Baum, der an Filme von Tarkowskij oder Angelopoulos erinnert.

Das alles ist, unterstützt durch ein beängstigendes Sounddesign, auch ungemein spannend, etwa, weil die Deutschen Sprengfallen in ihrer verlassenen Unterkunft aufgestellt haben oder die Zeit bis zum Erreichen von Mackenzie immer knapper wird. Der Graben, der zu ihm führt, will einfach kein Ende nehmen.

Michael Ranze

Anmerkung:

In einem Featurette auf Youtube kann man nach verfolgen, wie die kleine Steadicam-Kamera, gehalten an zwei langen Griffen, immer weitergereicht wird, von einem Kran in die Hände zweier laufender Männer, von dort auf einen Kamerawagen, zwischendurch auf ein Drahtgestell, das Aufnahmen von oben oder tiefe Auf- und Abbewegungen ermöglicht. Ausleuchten des Sets war unmöglich, ebenso Wiederholungen. Sobald es einmal losging, konnte man nicht mehr stoppen.
Zum Video hier…