20 Feet From Stardom

Man kennt ihre Stimmen, aber nicht ihre Namen: Backgroundsängerinnen, die Kraft ihren Rollenbeschreibung im Schatten der Stars stehen, deren Musik sie oft erst die stimmliche Substanz verleihen, die aus Songs Hits macht. Diesen Frauen setzt Morgan Neville mit seiner Dokumentation „20 Feet From Stardom“ ein mitreißendes Denkmal, für das er auch den Oscar als Beste Dokumentation gewann!

Webseite: www.20feet.weltkino.de

USA 2013 – Dokumentation
Regie: Morgan Neville
Länge: 91 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 24. April 2014

AUSZEICHNUNGEN:

Oscar 2014 als beste Dokumentation

FILMKRITIK:

Unfreiwillig ironisch ist es schon, dass „20 Feet From Stardom“ mit Bruce Springsteen beginnt, der über die Schwierigkeit sinniert, vom Hinter- in den Vordergrund zu treten. Denn genau daran haben sich viele Backgroundsängerinnen oft ohne Erfolg versucht: Ihre teils enormen stimmlichen Qualitäten nicht mehr nur in den Dienst eines anderen Künstlers zu stellen, sondern unter eigenem Namen Erfolg zu haben.

Doch auch wenn Stars wie Springsteen (der übrigens einst eine seiner Backgroundsängerinnen heiratete), Mick Jagger oder Sting ausführlich zu Wort kommen, stehen für 90 Minuten doch andere im Mittelpunkt: Darlene Love etwa, die einst von Phil Spector, dem legendären Super-Produzenten der 60er Jahre entdeckt wurde. Sie war die Stimme des Klassikers I’m a Rebel, doch auf der Bühne bewegten die „Crystals“ ihre Stimmen zu dem Song, vorweggenommene Boney Ms oder Milli Vanillis, ein Schicksal, dass viele Backgroundsängerinnen teilten. Erst im hohen Alter wurde Darlene Love selbst zum Star, trat regelmäßig zu Weihnachten in David Lettermans Tonight Show auf und wurde vor kurzem gar in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen.

Soweit ist Lisa Fischer noch nicht, die nach einem Grammy-Gewinn für ihre Debüt-Single vor einer großen Karriere stand – und scheiterte. Warum es so schwer fällt, vom Hintergrund ins Rampenlicht zu treten ist der lose rote Faden, an dem Neville seine Geschichte erzählt. Dass es die hier porträtierten schwarzen Backgroundsängerinnen besonders schwer hatten, dass sie nicht nur mit dem oft immanenten Sexismus der Musikindustrie zu kämpfen hatten, sondern auch mit dem oft kaum unterschwelligen Rassismus Amerikas, wird dabei nur am Rande deutlich. Allzu tiefgründige Ursachenforschung will „20 Feet From Stardom” nicht betreiben und konzentriert sich ganz auf die Kraft der Musik. Unzählige alte und neuere Konzertaufnahmen sind zu sehen, amüsante Anekdoten zu hören, etwa von Merry Clayton, die eines Nachts aus dem Bett telefoniert wurde und zu den Rolling Stones ins Studio fuhr: Dort kontrastierte sie Jaggers Stimme auf dem Hit-Song Gimme Shelter – und wurde eine der vielen unbekannten Stimmen auf berühmten Platten.
Etwas Wehmut ist fraglos im Spiel, wenn etwa die Mitglieder der Waters-Familie um den Tisch sitzen und Platten hören, an denen sie beteiligt waren: Von Patti Labelle bis zur Musik zu „Der König des Löwens“ reicht die Bandbreite, die sie zwar in Kontakt mit berühmten Musikern gebracht hat, aber nicht zu eigenen Karrieren führte.

Ganz nebenbei ist „20 Feet From Stardom“ schließlich auch ein Film über die Entwicklung populärer Musik, der Einflüsse der schwarzen Musik, des Blues auf weiße Musiker wie Jagger, Springsteen oder Joe Cocker, die schwarze Rhythmen popularisierten, aber auch die seit einigen Jahren grassierende Technik des „Auto-Tunings“, die Backgroundsängerinnen zunehmend obsolet gemacht hat. Doch bei allen Informationen und Hintergründen bleibt „20 Feet From Stardom“ in allererster Linie eine mitreißende Dokumentation mit viel guter Musik.
 
Michael Meyns