2:37

Mit gerade Anfang 20 drehte Regie-Neuling Murali K. Thalluri diese erschütternde Bestandsaufnahme über den Horror an einer normalen australischen High School. Darin beobachtet er über einen Schultag sechs ganz unterschiedliche Teenager bei ihrem Versuch, mit den Herausforderungen des Erwachsenswerdens, den eigenen Gefühlen und ihrer jeweiligen familiären Situation zu Recht zu kommen. 2:37 weckt aufgrund seiner nicht-chronologischen Erzählstruktur Erinnerungen an Gus Van Sants Columbine-Drama Elephant, wobei auch Thalluri mit einem ähnlichen Problem wie seinerzeit Van Sant zu kämpfen hat.

Webseite: www.senator.de

Australien 2006
Regie & Drehbuch: Murali K. Thalluri
Produzenten: Murali K. Thalluri, Kent Smith, Nick Matthews
Mit Teresa Plamer, Frank Sweet, Sam Harris, Charles Baird, Joel Mackenzie, Marni Spillane
Laufzeit: 95 Minuten
Verleih: Senator/Central
Kinostart: 19.7.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In 2:37 steht die Explosion ganz am Anfang. Wir sehen aufgeregte Schüler, die an die Tür der Mädchentoilette klopfen. Unter dieser sickert eine Blutlache hervor. Irgendetwas Schreckliches muss geschehen sein. Rückblende. Als nächstes führt Regie-Debütant Murali K. Thalluri nacheinander seine sechs Protagonisten ein. Da gibt es das Geschwisterpaar aus reichem Elternhaus, Melody (Teresa Palmer) und Marcus (Frank Sweet), den selbstbewussten Mädchenschwarm Luke (Sam Harris), dessen Freundin (Marni Spillane) ihn eifersüchtig bewacht, sowie die beiden Außenseiter Sean (Joel Mackenzie) und Steven (Charles Baird). Während Sean nach seinem Coming Out von Mitschülern tagtäglich verspottet wird, leidet der schüchterne Steven unter seiner körperlichen Behinderung und einer für ihn noch unangenehmeren Blasenschwäche, die ihn seit einer frühkindlichen Erkrankung verfolgt.

 

Der Film begleitet die Sechs von ihrem Schulweg an bis in den frühen Nachmittag, als die Handlung durch den Zwischenfall auf der Schultoilette ihren tragischen Höhepunkt erreicht. Thalluri, der die Motivation zu 2:37 mit dem Selbstmord eines Freundes erklärt, springt wie in einem Episodenstück zwischen den einzelnen Charakteren hin und her. Die schwerelose Kamera verweilt einen Augenblick bei Marcus und einer Mitschülerin im Musikzimmer, dann folgt sie Luke, der auf dem Gang seine Freundin Sarah trifft. Das Ganze besitzt zumeist einen semi-dokumentarischen, beinahe nüchternen Ton, der stark an Gus Van Sants Schuldrama Elephant erinnert. Wie Van Sant schildert Thalluri eine Szene aus mehreren Perspektiven, welche wieder zusammengefügt – vergleichbar der Teile eines Puzzles – ein viel größeres Bild ergeben.

Dieses transportiert nicht nur ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation an einem auf den ersten Blick so lebendigen Ort, es zeigt zugleich sechs Leben voller Widersprüche und Geheimnisse. Thalluris Jugendliche befinden sich in einem permanenten psychischen Ausnahmezustand, aus dem es die Möglichkeit zur rettenden Flucht nicht mehr zu geben scheint. Vor allem Melody und Luke leiden unter dem, was sie niemandem anvertrauen können, weil die Wahrheit sämtliche im Laufe der Jahre aufgebauten Fassaden einreißen würde. Wo man auch hinsieht, überall tun sich neue Abgründe und Krisen auf. Und genau darin liegt die Crux von Thalluris Debüt. Die aus der Verdichtung auf Ort und Zeit resultierende Überfrachtung mit Problemen geht früher oder später zu Lasten der Glaubwürdigkeit. Für manches, wie die Enttarnung des Obermachos Luke als schwuler Herzensbrecher, bedient sich Thalluri gar bei zu oft gesehenen Klischees.

Die Zersplitterung des Plots und das anschließende Wiederzusammensetzen der Teile verleiht 2:37 ebenso wie die langen Steadycam-Fahrten durch das offene, helle Schulgebäude eine stilistische Eleganz, die nicht unproblematisch ist. Sowohl Thalluri als auch Van Sant betonen über ihre Inszenierung stets die Beiläufigkeit der Beobachtungen, bis man nicht umhin kommt, in eben jener Beiläufigkeit das Prätentiöse zu entdecken. Immerhin ist Thalluri gerade einmal 22, da seien ihm solche Spielereien verziehen. Zumal seinem bislang weitgehend unbekannten ebenso jungen Ensemble mit einer bravourösen, mutigen Leistung eine kleine Entschädigung gelingt.

Marcus Wessel

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Eine amerikanische High School. Die Schüler sind 17 Jahre alt, ein Alter, in dem von der Lebensplanung her, wegen der menschlichen Unreife, in Sachen Sex und in der persönlichen Gedankenwelt alles drunter und drüber geht.

Marcus und Melody sind da, Bruder und Schwester. Nur scheinbar ist ihre Welt in Ordnung. Denn als Melody einen Schwangerschaftstest macht, fällt dieser positiv aus. Von keinem anderen als vom eigenen Bruder ist sie vergewaltigt worden.

Sean leidet darunter, dass er homosexuell ist. Steven hat ein verkürztes Bein und außerdem von Geburt an zwei Harnröhren, von denen er nur eine unter Kontrolle hat.

Sarah liebt den schönen Luke. Am liebsten würde sie ihn sofort heiraten. Aber Luke wird auch von Sean leidenschaftlich geküsst. Geht das mit rechten Dingen zu? Kelly findet Gefallen an Marcus, doch dieser will offenbar nichts von ihr wissen. Vielleicht hätte er ihr mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, denn am Schluss lebt Kelly nicht mehr.

All das wird mehrfach und mehrmals gesehen, jeweils von unterschiedlicher Perspektive aus: einmal aus der Sicht von Melody, einmal aus der von Sean, dann wieder mit den Augen von Steven oder mit denen von Kelly. Geschehen tut handlungsmäßig nicht viel, doch das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen den sechs, sieben Teenagern tritt deutlich zutage.

Immer wieder sind Interviews der einzelnen Beteiligten dazwischen geschnitten, in denen diese von ihren Anschauungen, von ihren Problemen, von ihren Elternhäusern oder ganz einfach von dem berichten, worum ihre Gedanken kreisen.

Das Erstaunlichste an diesem Film ist wohl, dass der Regisseur bei dessen Herstellung ganze 22 Jahre alt war. Es ist ein mit eigenen Erfahrungen durchwirkter Erstling, ein engagierter Versuch, nicht mehr und nicht weniger, ein Teenager-Mikrokosmos, ein mit geringen Mitteln hergestelltes Produkt, ein gleichwohl nicht ohne geschickte Bewegungsdramaturgie und nicht ohne eine gewisse wenn auch meist schmerzliche Beobachtungsgabe gedrehter Film.

Thomas Engel