24 Wochen

Ein Film mit großer Strahlkraft und voll emotionaler Wucht: Die Geschichte von Astrid, die sich entscheiden muss, ob sie ein wahrscheinlich schwerbehindertes Kind zur Welt bringen will, ist nicht nur herausragend gespielt, sondern in der Verbindung von Spielfilm, Improvisation und Dokumentation ein extrem intensives Werk, das viele Fragen stellt und nur einige beantworten kann. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen als Paar überragend natürlich und authentisch, jeder für sich und beide gemeinsam. Sie werden unterstützt von einer überaus beweglichen Kamera und von einer Regie, die mehr beobachtet als dirigiert. Weder tränenselig noch schnulzig, geht der Film absolut unter die Haut und ans Herz.

Webseite: www.24wochen.de

Deutschland 2016
Regie: Anne Zohra Berrached
Drehbuch: Carl Gerber, Anne Zohra Berrached
Darsteller: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Emilia Pieske, Johanna Gastdorf, Maria Dragus, Mila Bruk, Sabine Wolf, Karina Plachetka
103 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 22. September 2016
 

Preise/Auszeichnungen:

Berlinale 2016: Gilde Filmpreis
Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern 2016: NDR-Regiepreis, Förderpreis der DEFA-Stiftung, Publikumspreis

FILMKRITIK:

Ein Kind ist unterwegs – die werdenden Eltern machen kein großes Theater daraus, denn das Theater gehört schon zu ihrem Leben: Astrid ist Kabarettistin, ziemlich erfolgreich noch dazu, und Markus ist ihr Manager. Sie ist ein Energiebündel und wirkt manchmal etwas hyperaktiv. Markus ergänzt sie perfekt: Er ist die Ruhe selbst und verbringt seine freie Zeit hauptsächlich damit, Astrid anzuhimmeln. Eine prachtvolle Konstellation also für eine junge Familie, zu der auch Nele gehört, die ältere Tochter, die sich ein kleines Brüderchen wünscht. Die Schwangerschaft verläuft ruhig, Astrid tritt weiter auf und macht Witze über ihren Zustand, mit dem sie ebenso humorvoll wie lässig umgeht. Alles scheint gut zu verlaufen, als Astrid und Markus nach einer Routineuntersuchung erfahren, dass ihr Kind mit großer Wahrscheinlichkeit das Downsyndrom haben wird. Aus der Vorfreude erwachsen Angst, Zweifel, unbegründete Selbstvorwürfe und die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen, denn in Deutschland gibt es die Möglichkeit einer Spätabtreibung. Astrid und Markus entscheiden sich dafür, ihr Kind zu bekommen. Doch eine weitere Untersuchung ergibt, dass das Baby zusätzlich mit schweren Herzdeformationen geboren werden wird. Und plötzlich steht ihr ganzes Leben auf der Kippe, und die sonst so taffe Astrid, die mit den coolen Sprüchen, droht zu zerbrechen.
 
Das ist alles sehr gut ausgedacht und dennoch so dicht und schmerzlich an der Realität, dass sich niemand mit einem halbwegs mitfühlenden Herzen der Gewissensnot und dem Dilemma entziehen kann, das Julia Jentsch mit viel glaubhafter Zurückhaltung verkörpert. Manchmal steht sie kurz vor der Explosion, nur selten bricht sie aus. So selbstbewusst und souverän sie sonst im Beruf ist: Angesichts ihrer Gewissensnöte steht Astrid plötzlich sprachlos auf der Bühne. Und hier liegt vielleicht der größte Unterschied zwischen Anne Zohra Berrached und Andreas Dreesen, der in „Halt auf freier Strecke“ ein ähnlich sensibles, gut recherchiertes Thema ebenfalls mit virtuoser Improvisationskunst und mit Fachleuten als Darsteller anging. Während Dreesens Protagonisten einer Mittelschicht entstammen, für die problemlos die Klischees vom hart arbeitenden Normalbürger zutreffen, wagt sich die junge Regisseurin an eine Konstellation, die das Problem der Mutter vervielfältigt und auf die Spitze treibt: Astrid steht in der Öffentlichkeit, sie hat auf der Bühne normalerweise die große Klappe, ist weltgewandt und erfolgreich, alles andere als die einfache Frau von nebenan mit dem goldenen Herzen. Anne Zohra Berrached hätte es leichter haben können, aber sie hat aus Astrid eine souveräne Persönlichkeit gemacht, die ihren Beruf ebenso liebt wie ihren Mann und ein beneidenswertes Leben führt. Wenn ihr all das auf die Füße zu fallen droht angesichts der Entscheidungsnot, in der sie sich befindet, dann wird Astrid und mit ihr das Publikum aus der Komfortzone mitten in die schreckliche Wirklichkeit geworfen.

Julia Jentsch macht die Astrid, die anfangs so taff wirkt, immer stiller und sensibler, bis ihre Dünnhäutigkeit fast körperlich spürbar wird. Gleichzeitig wandelt sich Bjarne Mädel, der anfangs fast wie ein drolliger Cockerspaniel um seine geliebte Frau herumhechelt, vom freundlich servilen Zuarbeiter zum aufbegehrenden Rebellen, der in der Krise eine neue Rolle als Mann und Familienvater für sich finden muss. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen diese Entwicklung mit großer Intensität, aber dankenswerterweise vollkommen ohne jede Effekthascherei.
 
Anne Zohra Berrached geizt nicht mit medizinischen Einzelheiten: Stets spürbar ist ihr Bemühen, eine möglichst realistische Darstellung zu liefern. So sind auch die beteiligten Fachleute, von der Sozialberaterin über die Hebamme bis zum Chirurgen, allesamt echt. Ihre Sprache fügt sich nahtlos in die übrigen Dialoge ein, was der Regisseurin, aber auch den Profischauspielern zu danken ist, die ebenso uneitel wie experimentierfreudig ihre Arbeit in den Dienst des Projekts stellen. Neben Julia Jentsch und Bjarne Mädel ist hier Johanna Gastdorf zu erwähnen, die ihre Rolle als Astrids Mutter mit patentem Humor und einem Hauch mütterlicher Biestigkeit erfüllt.
 
„24 Wochen“ ist sicherlich kein leichter Film, und dennoch bleibt er unterhaltsam. Er geht unter die Haut und trifft direkt das Herz, ohne Rührseligkeit, ohne Geschwätzigkeit, vollkommen kitschfrei und vielleicht gerade deshalb so glaubwürdig und spannend. Natürlich geht es auch um die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Medizin und um Fragen der Ethik, aber vor allem geht es um den Menschen, der doch nur ein kleines, einsames Herdentier ist, das die Liebe der anderen braucht.
 
Gaby Sikorski