303

Zur Cannes-Premiere von „Die fetten Jahre sind vorbei“ trotzte Hans Weingartner einst dem Glamour und fuhr mit seinem klapprigen Campingbus am Roten Teppich vor. Ein altes Wohnmobil vom titelgebenden Typ 303 spielt nun die Hauptrolle in diesem Lovestory-Road-Movie. Mit dem alten Daimler will die junge Studentin Jule nach Portugal zu ihrem Freund fahren. Unterwegs nimmt sie den Tramper Jan auf. Die beiden philosophieren, streiten, flirten während der gesamten Reise. Wie gut Plappern auf der Leinwand klappen kann, hat Richard Linklater mit seiner „Before Sunrise“-Trilogie bestens bewiesen. Wie dort Julie Delpy und Ethan Hawke, überzeugen hier nun Mala Emde und Anton Spieker als quirlig sympathisches Duo der wahrhaftigen Art mit reichlich Wiedererkennungspotenzial. Beim Quatschen über Gott und die Welt und die letzten Fragen der Menschheit bleibt natürlich noch genügend Zeit zum Suchen und Finden der Liebe: Slow-Dating auf 2.500 Kilometer quer durch Europa. 14 Jahre nach Cannes gelingt Weingartner wieder ein kapitalismuskritischer Coup mit Kultfilm-Qualitäten.  

Webseite: www.alamodefilm.de

D 2018
Regie: Hans Weingartner
Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker, Thomas Schmuckert, Steven Lange, Martin Neuhaus
Filmlänge: 145 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 19. Juli 2018
 

FILMKRITIK:

„Dieses ist das erste Vorgefühl des Ewigen: Zeit haben zur Liebe.“ – Rilke zum Auftakt geht immer. Zeit haben sollte auch das Publikum: Diese Kinofahrt von Berlin nach Portugal dauert immerhin 145 Minuten. Wenig Action. Viel Gequatsche. Ein Zwei-Personenstück im Wohnmobil. Fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn. Und doch fällt dieses Lovestory-Roadmovie überraschend unterhaltsam aus!

Die Biologie-Studentin Jule (Mala Emde) hat gerade keinen ganz so guten Lauf. Sie rasselt trotz leichter Fragen durch die Prüfung. Mama drängt die Tochter zur Abtreibung. Freund Alex im fernen Portugal ahnt derweil noch gar nichts vom kommenden Vaterglück. Um klaren Kopf zu bekommen, macht sich Jule mit ihrem alten Wohnmobil auf die lange Reise in Richtung Süden. Der Politik-Student Jan (Anton Spieker) hat gleichfalls wenig Grund zum Jubeln. Sein eingeplantes Stipendium wurde mit windiger Begründung abgelehnt. Frustriert beschließt er spontan, endlich seinen leiblichen Vater in Spanien zu besuchen, dessen Existenz ihm erst seit Kurzem bekannt ist. Von der gebuchten Mitfahrgelegenheit versetzt, bleibt nur noch Tramper-Glück. Nach etlichen Absagen auf einer Raststätte, trifft Jan schließlich auf Jule. Die freut sich durchaus auf ein bisschen Gesellschaft am Steuer. Die beiden 24-Jährigen sind sich auf Anhieb sympathisch. Ein kleines Missverständnis sorgt jedoch für großen Ärger. Jan fliegt alsbald aus dem Wohnmobil. Das Schicksal führt die beiden wenig später unter dramatischen Umständen aber wieder zusammen.

Nach diesem etwas holprigen Start kann die Reise Richtung Atlantik losgehen. Mit Smalltalk-Vorglühen hält sich das diskussionsfreudige Duo nicht lange auf, schnell geht es an das Eingemachte. Vom großen Ganzen im Leben bis zum kleinen Detail in der Liebe. Ob Niedergang der Neandertaler, Siegeszug des Kapitalismus, Zweifel an der Monogamie oder jene entscheidenden drei Sekunden vor dem Kuss – an Themen herrscht auf diesem Trip kein Mangel. „Die Harten in den Garten und die Zarten in den Teich – das sagt schon Darwin.“ kommentiert der Jan die Lage der Menschheit. „Wenn nur der Stärkste überlebt, weshalb überlebt dann ein Pfau? Darwin wurde von den Kapitalisten instrumentalisiert.“ erwidert die Jule. „Das ganze Leben ist eine Casting-Show“, klagt sie. „Wettbewerb macht Spaß!“ kontert er.

Es ist sichtlich spürbar, welches Vergnügen Weingartner am Verfassen solch witzig nachdenklichen Wortgefechte hatte – gleichsam nebenbei erfindet „303“ das Genre der philosophischen Screwball-Comedy. Für Schauspieler sind solch geschliffenen Dialoge natürlich eine gemähte Wiese. Sie so spontan und natürlich klingen zu lassen, ist freilich das starke Stück, das Mala Emde und Anton Spielker mit so überzeugender Leichtigkeit liefern wie einst Julie Delpy und Ethan Hawke bei ihren „Before Sunrise“-Auftritten. Das gelingt bei Verschwörungstheorien („Das wollen die doch: Unglückliche Menschen konsumieren mehr.“). Bei Beziehungsratschlägen („Dieses Gefühl angekommen zu sein. Daran denke ich, wenn ich verliebt bin.“). Oder bei Geständnissen („Ich bin so die Nebelkerzenwerferin.“). Als Sahnehäubchen darf Selbstironie nicht fehlen: Auf ganz große Gedanken folgt die perfekt banale Reaktion: „Da kauf’ ich mir eine ‚Brigitte’, da steht das auch drin!“.

So verlässlich der alte Daimler, Baujahr 1980, mit gemächlichem Tempo gen Süden zuckelt, so pannenfrei entwickelt sich der Charme dieses vergnüglich nachdenklichen Roadmovies. Regisseur Weingartner, einst in Wien bei „Before Sunrise“ als Produktionsassistent mit dabei, sagt über seine Lovestory „Es ist sozusagen der ‚Anti-Tinder’ Film. Statt 3 Sekunden Wisch-und-Weg, die langsame Annäherung zweier Seelen. Zwei Menschen beim sich langsam ineinander Verlieben zuschauen. So wie es früher einmal war.“ Das trifft durchaus den Nerv der Zuschauer. Die erste Fahrprüfung vor Publikum hat „303“ auf der Berlinale jedenfalls bestens bestanden. 

Dieter Oßwald