42

Baseball-Filme haben hierzulande zugegeben einen schweren Stand. Für Brian Helgelands („L.A. Confidential“, „Green Zone“) ergreifendes Sportler-Drama „42“ würde man sich aber wünschen, dass sich daran etwas ändert. Schließlich ist sein unter anderem mit Harrison Ford großartig besetztes Zeitportrait wie gemacht für das Kino und ein großes Publikum. Helgeland erzählt die Geschichte Jackie Robinsons, des ersten afroamerikanischen Spielers in der Profi-Baseball-Liga MLB. Seine Rückennummer, jene „42“, wurde Ende der 1940er Jahre zum Symbol von Veränderung und Fortschritt. Noch heute gedenkt der Sport diesem historischen Ereignis.

USA 2013
Regie & Drehbuch: Brian Helgeland
Kamera: Don Burgess
Musik: Mark Isham
Darsteller. Chadwick Boseman, Harrison Ford, Nicole Beharie, Alan Tudyk, Lucas Black, Christopher Meloni, Andre Holland, John C. McGinley
Laufzeit: 128 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 8.8.2013

PRESSESTIMMEN:

"Anspruchsvoll, packend, manchmal pathetisch, mit detailfreudiger Ausstattung der vierziger Jahre."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Der Beweis, dass das Leben die unglaublichsten und ehrlichsten Geschichten schreibt, ist im Sportler-Drama „42“ in jedem Moment spürbar. Der Film widmet sich einem bis heute elementaren Kapital der US-Sportgeschichte. Im Jahr 1947 sorgte der legendäre Branch Rickey, Geschäftsführer der Brooklyn Dodgers, für eine Revolution im amerikanischen Baseball, als er mit dem jungen, überaus talentierten Jackie Robinson den ersten schwarzen Spieler der Major League Baseball (MLB) verpflichtete. Was damals einen landesweiten Eklat und erhitze Diskussionen auslöste, eröffnete allen nachfolgenden Generationen von Sportlern neue Wege und Chancen. Und es trug dazu bei, die seinerzeit nicht nur in den Südstaaten noch in Rassenschranken verhaftete US-Gesellschaft allmählich zu verändern. Sogar die Frage, ob ein US-Präsident Barack Obama ohne die Pionierleistung von Rickey und Robinson überhaupt denkbar gewesen wäre, scheint durchaus berechtigt.

Jackie Robinson (Chadwick Boseman) fällt durch sein Talent und seinen unglaublichen Ehrgeiz schon früh vielen Trainern und Scouts auf. Doch den Mut, ihn für ein MLB-Team unter Vertrag zu nehmen, hatte erst Dodgers-Geschäftsführer Rickey (Harrison Ford). Am 15. April 1947 stand Jackie erstmals im Trikot der Brooklyn Dodgers mit der Rückennummer 42 auf einem öffentlichen Baseball-Platz. Es war der Moment, in dem die Rassenschranken der MLB von zwei mutigen Männern eingerissen wurden. Welche gewaltigen Hindernisse es bis dorthin zu überwinden galt und welche Anfeindungen Robinson und Rickey auch aus den eigenen Reihen, von einer aufgebrachten Öffentlichkeit und gegnerischen Teams erdulden mussten, zeigt Regisseur und Autor Brian Helgeland in seinem gleichermaßen beeindruckenden wie erhebenden Sportler-Biopic „42“.

Selbst Baseball-Insidern bietet sein Film noch neue Erkenntnisse. Baseball-Laien werden hingegen erst recht überrascht von manchen Einblicken und Anekdoten sein. Erstaunlich ist zum Beispiel, wie sehr selbst manche Teamkollegen Robinson anfangs ablehnten und sich sogar mit einer Petition gegen seine Aufnahme in die bis dahin „weiße“ MLB wehrten. Dabei muss man kein Fan dieser hierzulande wenig beachteten Sportart sein, um der Geschichte mit großer Begeisterung und Herzklopfen zu folgen. Helgeland gelingt es, auch Sportverächter für Robinsons Werdegang zu interessieren. Dessen Biografie war und ist schließlich weit über die Grenzen des US-Sports von Bedeutung. Noch heute werden vor allem farbige Sportler angefeindet – auch in Deutschland. „42“ ist zugleich ein faszinierendes, akribisch recherchiertes Zeitportrait, das die damalige Stimmung auf und jenseits des Platzes sehr genau einfängt.

Helgeland konzentrierte sich auf die Jahre 1945 bis 1947, in denen jene fundamentalen Umwälzungen ihren Anfang nahmen. Er zeigt mit erstaunlich viel Witz und Einfühlungsvermögen, wie Rickey und Robinson von Fremden zu einem eingeschworenen Team wurden. Robinson war dabei nur der erste Afroamerikaner, der das bis dahin von Weißen beherrschte Baseball, den US-Sport und die Gesellschaft veränderte. Viele folgten ihm. Bis heute wurde Robinsons Rückennummer nicht mehr vergeben. Nur einmal im Jahr – am 15. April – tragen die Spieler aller MLB-Teams die „42“ als Zeichen der Ehrung und des Respekts.

Der bislang vor allem aus US-Serien bekannte Chadwick Boseman bringt bei aller physischen Präsenz eine äußerst erfrischende, jugendliche Leichtigkeit in die Rolle ein. Sein Jackie Robinson ist stark und doch kein Übermensch. Gerade letzteres sichert ihm die uneingeschränkten Sympathien des Publikums. Mit Harrison Ford als Branch Rickey besitzt Helgelands ergreifendes Zeit- und Sportlerportrait schließlich einen bestens aufgelegten Hollywood-Recken, der an der schlitzohrigen Figur des legendären Dodgers-Managers sichtlich Gefallen findet. Mit breitem Akzent und einer sonst nur von John Goodman gekannten Coolness sorgt der inzwischen 70-jährige Hollywood-Star für einen weiteren Karrierehöhepunkt, der ihm im nächsten Jahr sogar eine Oscar-Nominierung einbringen könnte. Überhaupt dürfte es dort mit Helgelands Film in so manchen Kategorien ein Wiedersehen geben.

Am Ende ist „42“ kein Baseball-Film, sondern eine Geschichte über uns alle.

Marcus Wessel