7 Göttinnen

Sieben Frauen in Indien, sieben Schicksale: Freida lädt ihre Schulfreundinnen nach Goa ein, wo sie gemeinsam mit ihnen den Junggesellinnenabschied feiern will. Doch die Partystimmung wird bald von tragischen Ereignissen überschattet. Die Mischung aus Frauen-Buddy-Film, Emanzipationsmelodram und Thriller – alles umrahmt von viel Musik – bietet trotz einiger Irritationen ein spannendes Kinoerlebnis. Insgesamt ist das mehrfach preisgekrönte Drama ein sehenswertes Beispiel für einen Ensemblefilm mit alternativem und sogar kämpferischem Bollywood-Charme.

Webseite: www.siebengoettinnen.de

Indien / Deutschland 2015
Regie: Pan Nalin
Drehbuch: Pan Nalin, Subhadra Mahajan, Dilip Shankar, Arsala Qureishi
Darsteller: Sarah-Jane Dias, Anushka Manchanda, Pavleen Gujral, Amrit Maghera, Sandhya Mridul, Rajshri Deshpande, Tannishtha Chatterjee
Originalmusik: Cyril Morin
104 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 16. Juni 2016
 

Preise/Auszeichnungen:

Toronto Film Festival 2015 – 2. Platz Publikumspreis
Internationales Filmfestival Rom 2015 – Publikumspreis
Hofer Filmtage 2015
Mumbai Film Festival 2015

FILMKRITIK:

Schon die Eröffnungssequenz ist vielversprechend: In kurzen, teils witzigen Clips werden die Hauptpersonen vorgestellt. Sie alle sind Frauen im modernen Indien und müssen Tag für Tag um ihr Selbstverständnis kämpfen. Die meisten von ihnen sind privilegiert, so wie Suranjana, die als Managerin in einer Männerwelt arbeitet. Auch Freida ist eine von ihnen – eine erfolgreiche Modefotografin, die sich taff und pfiffig in ihrem Job behauptet. Sie ist es, die ihre Freundinnen nach Goa einlädt, wo sie mit ihnen ein paar Tage am Meer verbringen möchte. Der Grund wird schnell klar: Freida will heiraten, und zum Junggesellinnenabschied schart sie ihre liebsten Kumpelinen aus alten Zeiten um sich. Zu ihnen gehört auch Laxmi, die nicht nur Freidas Haushalt schmeißt, sondern auch zur Familie gehört. So ist erstmal Party angesagt, die jungen Frauen genießen die gemeinsamen Stunden und feiern ausgelassen. Nach und nach kehrt die alte Vertrautheit zurück, die Frauen erzählen mehr von sich, und es stellt sich heraus, dass sie mit ihrem Leben keineswegs so glücklich sind, wie es scheint. Jede von ihnen trägt unerfüllte Träume und schlechte Erfahrungen mit sich herum. Doch die anfangs so heitere Stimmung wird, zunächst durch scheinbare Kleinigkeiten, mehr und mehr getrübt, und schließlich kommt es zu einem tragischen Ereignis, das nicht nur die geplante Hochzeit in Frage stellt …
 
Die Leichtigkeit des Beginns ist trügerisch: Dies ist keinesfalls ein lockerer Mädelsfilm und schon gar keine Komödie, auch wenn gelegentlich gekichert und oft getanzt und gesungen wird. Hier geht es um Frauenbilder und Frauenleben im modernen Indien – ein offenkundig schwieriger Balanceakt. Der Film bildet diese Schwierigkeiten ab und bezieht von Minute zu Minute immer eindeutiger Stellung für die Frauen und für ihren Kampf um Selbstbestimmung und Anerkennung. Zwischen Tradition und Moderne, zwischen Unterdrückung und Widerstand bewegen sich die „7 Angry Goddesses“, so der Originaltitel, der auf die Göttin Kali Bezug nimmt. Die vielarmige Kali mit ihrer herausgestreckten Zunge und der Kette aus Totenschädeln um den Hals ist im Hinduismus die Göttin des Todes und der Erneuerung. Die zornigen Göttinnen des Films leisten Widerstand gegen ein Schicksal, dem sie sich nicht länger fügen wollen. Sie stellen die Macht der Männer in Frage, werden dabei zu Rächerinnen und nehmen die Göttin Kali als Vorbild, um vielleicht aus der Zerstörung eine neue und bessere Welt zu schaffen.
 
Das ist inhaltlich alles überaus ehrenwert, dennoch bleibt am Ende ein kleiner Beigeschmack, wenn ein Akt der Selbstjustiz nicht hinterfragt, sondern gefeiert wird. Mag sein, dass die augenfällige „7 Frauen sehen Rot“-Mentalität irgendwie verständlich ist, aber Mob bleibt Mob, auch wenn er feministisch untermauert wird. Dass der Film auch sonst etwas sperrig wirkt, vor allem durch kleine Überraschungen und Schockmomente, mit denen das anfängliche Idyll immer wieder gestört wird, macht ihn dagegen authentisch und sympathisch. Die Brüche sorgen jedenfalls für Spannung. Pan Nalin gelingt es, seine für indische Verhältnisse ziemlich radikalen Ansichten in publikumswirksame Bilder zu verpacken und damit so etwas wie ein neues Genre zu erschaffen: das feministische Musicalmelodram. Ebenfalls positiv ist die beeindruckende Ensembleleistung der Heldinnen in einer Geschichte, die wenig auf Identifikation setzt und stattdessen auf repräsentative Frauenfiguren. Pan Nalin zeichnet ein realistisches Bild von Indien, das ebenso faszinierend wie Furcht erregend ist: ein Land, in dem auch heute noch Frauen mit großer Selbstverständlichkeit als Objekte behandelt werden und ständig mit sexueller Gewalt rechnen müssen. Kein Wunder, dass die Göttinnen zornig werden!
 
Gaby Sikorski