7 Tage in Entebbe

Die Ereignisse um die Entführung eines Flugzeugs und die anschließende Befreiung der Geiseln, die sich 1976 im ugandischen Entebbe zutrugen, beschreibt José Padilha in seinem neuen Film „7 Tage in Entebbe“, der sich offensiv zwischen alle Stühle setzt, bewusst ambivalent ist und sich als Plädoyer für Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern versteht.

Webseite: www.entertainmentone.com

7 Days in Entebbe
USA/ GB 2018
Regie: José Padilha
Darsteller: Daniel Brühl, Rosamunde Pike, Eddie Marsan, Lior Ashkenazi, Denis Menochet, Ben Schnetzer
Länge: 107 Minuten
Verleih: eOne
Kinostart: 3. Mai 2018

FILMKRITIK:

Am 27. Juni 1976 entführten die zwei deutschen Terroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamunde Pike) und zwei palästinensische Terroristen eine Air France Maschine, die sich auf dem Weg von Israel nach Frankreich befand. Ziel war Entebbe im damals vom Diktator Idi Amin beherrschten Uganda, wo die Geiseln gegen gefangene Gesinnungsgenossen ausgetauscht werden sollten. Was durch den Einsatz eines israelischen Sonderkommandos verhindert wurde, das die Geiseln befreite, die Terroristen tötete und Israels Machtposition und vor allem Politik zementierte.
 
Besonders um letzteren Aspekt geht es dem brasilianischen Regisseur José Padilha, der die Darstellung der bloßen Fakten dieser sieben Tage nur als Ausgangspunkt für weitreichende Überlegungen nimmt. Wie man das aus Padilhas Filmen kennt, vor allem „Tropa de Elite“ mit dem er vor zehn Jahren den Goldenen Bären gewann, inszeniert er die militärischen Operationen der Terroristen und später des Sonderkommandos voller Verve und Faszination für die Fähigkeiten perfekt gedrillter Truppen.
 
Dass er dabei besonders auch den israelischen Einsatz als den großen Erfolg schildert, der er unzweifelhaft war, mag manche Kritik im Keim ersticken, dass Padilha sich hier allzu sehr auf die Seite der Palästinenser schlägt. Eine Kritik, die schon in den ersten Momenten des Films aufkommen könnte, wenn in kurzen Texttafeln die Geschichte Israels referiert wird: 1947 die Unabhängigkeitserklärung und als Folge der sofortige Beginn des Kampfes der Palästinenser, die ihr Land zurückerobern wollten, Betonung auf ihr Land. Eine feine Nuance mit der sich Padilha sicherlich keine Freunde in Israel macht, ebenso wenig wie mit der folgenden Texttafel, die bemerkt, dass manche diese Palästinenser als Terroristen sehen, andere jedoch als Freiheitskämpfer.
 
Und so geht es weiter: Die berüchtigte Selektion der israelischen Geiseln, die von den anderen Passagieren getrennt wurden, zeigt Padilha sowohl als pragmatischen Moment (schließlich war anzunehmen, dass Israel eher auf den durch die Entführung eigener Landsleute aufgebauten Druck reagieren würde.) als auch als unvermeidliche Referenz an die durch die Nationalsozialisten vorgenommenen Selektionen, besonders da hier scheinbar erneut Deutsche Juden selektierten. Etwas didaktisch mutet es zwar manchmal an, wenn er jede Seite ihre Position schildern lässt, die Motivation der deutschen Terroristen, die sich als Linke den Palästinensern verbunden sahen und sich dadurch auch gegen Israel stellten, der Palästinenser, denen es um ein würdiges Leben geht und immer noch geht, schließlich Szenen im Generalstab in Israel, wo der damalige Verteidigungsminister Schimon Peres (Eddie Marsan) eine militärische Befreiung als einzige Lösung der Krise betrachtet, während Premierminister Yitzhak Rabin (Lior Ashkenazi) auch die Möglichkeit in Erwägung zieht, zu verhandeln. Wie die Geschichte ausging ist bekannt, wodurch sich Israel – so zumindest sieht es offenbar Padilha – auf den Weg der Gewalt begab, der zu einer wechselseitigen Folge von Anschlägen und Vergeltungsschlägen geführt hat, die die Fronten immer mehr verhärtet haben.
 
Mit einem gewagten Kunstgriff spannt Padilha schließlich den Bogen von 1976 bis zur Gegenwart: Immer wieder schneidet er von der Flugzeugentführung zu Tanzszenen mit Choreographien des Israelis Ohad Naharin (letztes Jahr in der Doku „Mr. Gaga“ porträtiert), ein ausgewiesen kritischer Beobachter seines Landes und seiner zunehmend radikalen Politik. Tanz als Lösung der Probleme des Nahen Ostens anzubieten, so naiv ist Padilha natürlich nicht, vielmehr scheint er andeuten zu wollen, dass nur gemeinschaftliche Bemühungen zu einer Lösung führen können: Sträubt sich Israel weiter gegen jede Verhandlung mit den Palästinensern, gibt es kein Entkommen aus der Gewaltspirale, so die finale Botschaft eines vielschichtigen, in seiner Ambivalenz und Ausgewogenheit faszinierenden Films.
 
Michael Meyns