71

Noch so ein IRA-Drama, könnte man abwinken. Doch das wäre ein Fehler, denn dieses Debüt-Werk bietet absolute Thriller-Qualitäten und Hochspannung mit Gänsehaut-Faktor. Ein junger, britischer Soldat wird anno '71 nach Belfast versetzt. Nach einem missglückten Einsatz bleibt er allein hinter den feindlichen Reihen zurück. Ein hinterhältiges Katz- und Mausspiel beginnt zwischen britischem Militär, Undercover-Agenten und irischen Rebellenführern. Jeder kocht sein eigenes Süppchen zum Machterhalt, derweil der traumatisierte Held zwischen alle Fronten gerät. Packend erzählt, visuell enorm einfallsreich und ganz ohne Predigt-Attitüden zeigt dieser kleine, große Film sehr bewegend, wie (Bürger-)Krieg und Fanatismus Menschen zu Monster mutieren lassen – Nordirland ist überall.

GB 2014
Regie: Yann Demange
Darsteller: Jack O'Connell, Sean Harris, Richard Dormer, Paul Anderson
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: N.N.

FILMKRITIK:

Dieses britische Debüt galt vielen als ganz starkes Stück der letzten Berlinale. Was nach üblichem, schon dutzendfach gesehenem Nordirland-Drama klingt, entpuppt sich sehr schnell als knallharter Politthriller, der visuell sehr virtuos die unglaublich spannende Story eines ohnmächtigen Helden erzählt, der unvermittelt ums Überleben kämpfen muss. Gary Hook, ein junger Rekrut der britischen Armee, sollte eigentlich in Deutschland stationiert werden, doch dann wird er mit seiner Einheit nach Belfast abkommandiert. Dort ist 1971 der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken längst zum Bürgerkrieg eskaliert. Jedes Stadtviertel und jeder Straßenzug ist zwischen den verfeindeten Gruppen aufgeteilt und wird um jeden Preis verteidigt. Paramilitärische Gruppen und rivalisierende Gangs bestimmen das Bild. Als Gary und seine Truppe eine Hausdurchsuchung absichern sollen, geraten die Dinge plötzlich außer Kontrolle. Eine Waffe wird gestohlen, ein Soldat erschossen. Im Chaos ziehen sich die Briten hektisch zurück – und vergessen ihren Kameraden. Fortan ist Gary im katholisch kontrollierten Stadtteil auf sich gestellt. Er wird gejagt. Kann entkommen. Findet Freunde im Feindesland. Entdeckt das Doppelspiel von Undercover-Agenten. Und entgeht nur knapp einer Katastrophe. Als ihn seine eigene Einheit schließlich retten will, gerät auch dieser Einsatz ganz und gar außer Kontrolle – denn hier ist nichts so, wie es scheint.
 
Jung-Filmer Yann Demange beherrscht in seinem Debüt perfekt die Klaviatur in Sachen Spannung und Suspense. Mit Jack O'Connell verfügt er über einen charismatischen Hauptdarsteller, der die notwendigen Sympathie-Punkte beim Publikum schnell sammelt, und es so von Anfang an Anteil nehmen lässt an diesem Helden, der einen wahren Albtraum erlebt und immer tiefer ins Verderben zu stürzen droht. Die Kamera ist Gary stets dicht auf den Fersen. Wenn er eingeschüchtert seine neue Unterkunft bezieht. Wenn er nervös zum miserabel geplanten Einsatz geht. Oder er schließlich auf der Flucht vor zwei Killern durch die ihm völlig fremden Straßen hetzt. Ein kleiner Junge nimmt sich seiner schließlich an. Ob ihm zu trauen ist? Das kleine Großmaul geleitet Gary durch alle Straßensperren hindurch in ein Pub. Wird der Soldat hier zufällig Zeuge eines Komplotts? Der Zuschauer jedenfalls wird alsbald Beobachter einer Szene mit Überraschungsfaktor, wie es sie in dieser eindrucksvollen Art wohl so noch nie zu sehen  – und mit Sicherheit so nie zu hören gab. Allein die Soundeffekte dieser Sequenz machen den Film zum außergewöhnlichen Ereignis – mehr soll hier freilich nicht verraten werden!
 
Völlig erschöpft findet der geschundene Held schließlich Unterkunft bei freundlichen Menschen. Doch wer kann sich ein "freundlich" in dieser feindlichen Umgebung letztlich leisten? Alsbald sind die Häscher der verschiedenen Seiten auf der Spur von Gary. Wie auf einer Treibjagd wird er eingekreist. Der verwahrloste, triste Wohnblock einer Sozialsiedlung gerät zur surreal anmutenden Kulisse eines tödlichen Showdown. Das dramaturgische Tempo schwächelt auch hier nicht, ganz im Gegenteil. Mehr noch: Durch ihre Plausibilität wirken die überraschenden Wendungen umso stärker.
 
Dass in Kriegen jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, mag eine banale Binsenweisheit sein. Dieses Drama bietet freilich mehr, als diese These rigoros und eindrucksvoll vorzustellen. "'71" ist ein Thriller, dessen hypnotisch hyperaktiver Wirkung man sich kaum entziehen kann. Glänzend gespielt, perfekt inszeniert – den Namen von Erstlingsregisseur Yann Demange wird man sich merken müssen. Dass dieser ganz große Berlinale-Liebling auf der Siegerehrung komplett leer ausging, kann bei den wirren Entscheidungen dieser Jury von 2014 fast schon wieder als großes Kompliment gewertet werden.
 
Dieter Oßwald