90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden

Israelis und Palästinenser haben sich nach Jahrzehnten der Auseinandersetzungen auf eine neue Roadmap geeinigt: Die Frage um das Wohnrecht in Israel soll ein für alle Mal in einem alles entscheidenden Fußballspiel geklärt werden. Wer gewinnt bleibt, die anderen gehen. Das ist die groteske Ausgangssituation von Eyal Halfons  Mockumentary, der in Folge mit liebevollem Detailreichtum die verschiedenen Hürden ausmalt, die bei der Umsetzung des Abkommens bewältigt werden müssen – von der Wahl eines hinreichend neutralen Schiedsrichters bis hin zur kniffligen Frage, in welcher Mannschaft der arabische Israeli Iyad Zuamut nun eigentlich spielen wird.

Webseite: www.camino-film.com/filme/90-minuten

OT: 90 Minutes War
Deutschland/Israel 2015/2016
Regie: Eyan Halfon
Buch: Eyan Halfon
Darsteller: Detlev Buck, Moshe Ivgy, Norman Issa
Länge: 85 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 30. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Der israelische Regisseur Eyan Halfon spielt in 90 MINUTEN – BEI ABPFIFF FRIEDEN ein hochgradig absurdes Ausgangszenario detailreich und einigermaßen naturalistisch durch. Die Ausgangssituation: Israel und die Palästinenser haben sich endlich auf eine Roadmap zum Frieden verständigt. Der Konflikt soll in einem Fußballspiel entschieden werden. Der Sieger erhält das Bleiberecht, der Verlierer emigriert. 90 MINUTEN beschäftigt sich nun nicht etwa mit dem alles entscheidenden Spiel, sondern mit dem diplomatischen und sportlichen Hürdenlauf, der zwischen Vertragsschluss und Anpfiff zu absolvieren ist.

Wie schon bei anderen Vereinbarungen zeigt sich auch hier: der Teufel steckt im Detail und in der Umsetzung. Die Israelis haben beispielsweise als Trainer den deutschen Herrn Müller (Detlef Buck) engagiert. Als Zweifel aufkommen, dass Herr Müller sich seiner historischen Aufgabe bewusst ist, werden Müller und Team, statt zu trainieren, an historisch bedeutende Orte von der Klagemauer bis Yad Vashem geschickt –– mit katastrophalen Folgen. Das palästinensische Team dagegen kommt erst gar nicht zum Training, da der Tourbus ständig an israelischen Checkpoints scheitert.  Unlösbar scheint auch die Frage des Schiedsrichters. Als die Israelis endlich bereit sind, einen Belgier zu akzeptieren, stellt sich heraus, dass seine Tochter einmal im Kibbuz gearbeitet hat – ein absolutes No Go für die Gegenseite.

90 MINUTEN ist als Mockumentary erzählt. Ein Fernsehteam begleitet die beiden Clubmanager bei der Vorbereitung des Spiels, bei den Verhandlungen um Spieler und Schiedsrichter und bei den offiziellen repräsentativen Terminen. Hin und wieder wird auch ein bisschen Homestory eingeflochten  – der müde Manager am Feierabend – und fangen Straßenaufnahmen die Atmosphäre im Land ein. Halfon bietet das Raum, eine Fülle von amüsanten Ideen unterzubringen, von der Radiosendung, in der sich die arabischen Hörer schon mal überlegen, wo sie am liebsten wohnen würden, bis hin zu den israelischen Grundschulkindern, die patriotische Fußballbilder fürs Team malen.

Im Zentrum des Films stehen aber die beiden Manager. „Herr Chairman“ (Moshe Ivgy), der das israelische Team managt und Ziad Barguti (Norman Issa), Manager der Palästinenser, sind mit allen Wassern gewaschene, verschmitzte Durchsetzer, die es privat gerne komfortabel haben und, wenn es der Sache hilft, auch Mal damit drohen, alles hinzuwerfen. Im Grunde sind sie sich ziemlich ähnlich. In einer anderen Welt könnten sie sich sogar verstehen. Unter vier Augen, im direkten Gespräch, wäre vielleicht sogar ein Kompromiss denkbar. Aber gegen die Medien-  und Politikmaschine, die draußen läuft, und die das Problem endlich aus der Welt haben will, egal wie, haben zarteste Verständigungsprozesse auf einer persönlichen Ebene keine Chance.

Hendrike Bake