A Blast

Ein Film von unbändiger Energie, die das Chaos eines Landes vor dem finanziellen und moralischen Ruin spiegelt, ist Syllas Tzoumerkas „A Blast“, dessen oft kaum zu durchschauende, verschachtelte Erzählstruktur ebenso enigmatisch ist wie die Hauptfigur Maria, eine Frau in den 30ern, die die Versäumnisse ihrer Eltern ausbaden muss. Gleichermaßen mitreißend wie anstrengend.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Griechenland/ Deutschland 2014
Regie: Syllas Tzoumerkas
Buch: Youla Boudali, Syllas Tzoumerkas
Darsteller: Angeliki Papoulia, Vassillis Doganis, Maria Filini, Makis Papadimitriou, Themis Bazaka
Länge: 83 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: Frühjahr 2015
 

FILMKRITIK:

Gerade in Zeiten der Krise zeigt sich die Rolle des Kinos als Spiegel der Gesellschaft und so überrascht es nicht, dass in den letzten Jahren in Griechenland zahlreiche Filme gedreht wurden, in denen die Krise des Landes Auslöser der Ereignisse war. Das Interessante dabei ist, dass die ursprüngliche Wirtschaftskrise nur die Spitze des Eisberges bildet, dass hinter Schulden und einem Leben auf Pump moralische Abgründe zum Vorschein kommen, die idealen Stoff für das Kino abgeben.

Darum geht es auch Syllas Tzoumerkas in seinem zweiten Film „A Blast“, der in Locarno im Wettbewerb lief und seine Deutschlandpremiere beim Filmfest Hamburg feierte. Hauptfigur  ist Maria (Angeliki Papoulia), eine schlanke, blonde Frau in den 30ern, die meist so sehr unter Strom steht, das es kaum auszuhalten ist. Drei Kinder hat sie mit Yannis (Vassillis Doganis), der Seemann ist und somit lange Monate abwesend ist. In dieser Zeit versucht Maria ihr Leben zu meistern: Neben den Kindern ist das ihre zunehmend rechtem Gedankengut zugeneigte Schwester, ihr Studium, das sie unmotiviert abwickelt – eine Chance auf einen guten Job gibt es ohnehin nicht – dazu kommen ihre greisen Eltern, die den Schwestern hohe Schulden hinterlassen haben.

Früher, als es Griechenland noch gut ging, kümmerte es niemanden, wenn keine Steuern gezahlt wurden, doch nun ist die Lage eine andere, braucht der Stadt jeden Euro und so müssen die Kinder für die Versäumnisse der Eltern büßen. Doch die Bürokratie zeigt sich unerbittlich, eine Stundung der Schulden ist kaum möglich und so fast Maria einen Plan: Wie so viele andere Griechen besitz die Familie ein Grundstück auf dem Land, das windige Immobilienspekulanten gern an sich reißen würden. Vorher soll allerdings ein Waldbrand noch für einen Versicherungsschaden sorgen, der den Deal erst richtig lohnenswert machen soll, doch der Blast, die Explosion der Flammen, ist nicht zu kontrollieren.

Mit Bildern des Waldbrands beginnt der Film, wie um zu zeigen, dass Griechenland nicht kurz vor einer Explosion steht, sondern das Chaos, die Anarchie längst Einzug gehalten hat in das Land, dass einst die Demokratie erfand. Doch davon ist in der Welt, wie sie Syllas Tzoumerkas schildert, nicht mehr viel übrig. Wirklich zu funktionieren scheint nichts mehr, Massenarbeitslosigkeit führt zu Ausländerfeindlichkeit, die Zukunft sieht düster aus, allein willkürlich Sex liefert der jungen Generation momentanes Vergessen der Sorgen. So zerfahren und ziellos die Welt als Ganzes erscheint, so strukturiert Tzoumerkas auch seinen Film. Es beginnt mit dem finalen Waldbrand und springt während der kurzen 83 minütigen Laufzeit immer wieder vor und zurück. Da den Überblick zu behalten fällt nicht leicht, ist aber auch nicht wirklich relevant. Denn auch wenn „A Blast“ mit seiner pulsierenden, rastlosen Energie oft wie ein Thriller wirkt, viele Geschichten angedeutet werden, funktioniert er doch am besten als Zustandsbeschreibung einer Nation, die ihren Halt verloren hat. Diese Haltlosigkeit spiegelt sich besonders in der Hauptfigur Maria wieder, die ein ständiges emotionales auf und ab erlebt, so rastlos ist, dass es oft kaum auszuhalten ist, dafür die stillen Momente umso prägnanter werden lässt. Eine geradezu physische Erfahrung ist „A Blast“, nicht immer angenehm, aber unbedingt sehenswert.
 
Michael Meyns