A Most Violent Year

Mit seinem Debüt „Der große Crash“ glänzte er auf der Berlinale und kassierte zwei Oscar-Nominierungen. In „All is Lost“ schickte er Robert Redford unter großem Jubel der Kritik in einer grandiosen One-Man-Show auf hohe See. Nun der dritte Streich des talentierten J.C. Chandor – und wieder gelingt ein großer Wurf! Ein ehrgeiziger Einwanderer will sich im New York der 80-er Jahre selbstständig machen. Doch der amerikanische Traum des aufrechten Idealisten zerplatzt an Korruption, Gier und Gewalt. Temporeich, dialogstark sowie atmosphärisch enorm dicht präsentiert sich ein hochkarätiges Drama mit brillanter Besetzung. Smarte Unterhaltung in Bestform: Arthaus der Premium-Klasse!

Webseite: www.amostviolentyear.de

USA 2014
Regie und Drehbuch: J.C. Chandor
Darsteller: Oscar Isaac, Jessica Chastain David Oyelowo, Alessandro Nivola, Albert Brooks
Filmlänge: 125 Minuten
Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film
Kinostart: 19. 3. 2015
 

PRESSESTIMMEN:

Ein bemerkenswerter Anti-Gangster-Film.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

„Bewahrt euch wenigstens ein bisschen Stolz bei eurem Tun!“ – der Geschäftsmann Abel Morales (Oscar Isaac) ist nicht gut zu sprechen auf seine Konkurrenz im Heizöl-Handel. Immer öfter werden seine Tank-Laster auf offener Straße überfallen und gekapert. Dass Rivalen hinter den Raubzügen stecken, kann der junge Unternehmer zwar nicht beweisen, doch er sagt es ihnen bei einem Treffen direkt ins Gesicht. Der ehrgeizige Einwanderer aus Südamerika und seine Frau Anna (Jessica Chastain) haben große Pläne und träumen begeistert den ‚american dream’. Nach harter, erfolgreicher Arbeit ist nun der Coup zum Greifen nah: Morales sichert sich die Option auf ein strategisch günstiges Grundstück am Hafen, mit dem er einen immensen Standortvorteil für seinen Öl-Firma hätte. Einen Monat hat er Zeit, um die millionenschwere Investition zu stemmen. Der Jungunternehmer setzt auf volles Risiko. Misslingt der Plan, wird er alles verlieren. Die Bank gewährt dem guten Kunden Kredit. Doch plötzlich gibt es Probleme. Die Finanzbehörde sitzt Morales im Nacken. Die Überfälle auf seine Lkw sorgen für Verluste, als einer der Fahrer zum Revolver greift, eskaliert die Lage. Als der versprochene Kredit kippt, muss sich der Heizöl-Händler sich die fälligen 1,5 Millionen Dollar zu horrenden Bedingungen anderweitig besorgen – und der Countdown läuft gnadenlos.  
 
Mit lässiger Wortverspieltheit tauft Autor und Regisseur J.C. Chandor seinen vom Schicksal gebeutelten und Versuchungen verlockten Helden auf Abel Morales, was übersetzt in etwa „Möglichkeit von Moral“ bedeutet. Von allen Seiten, von staatlicher Bürokratie, von raffgieriger Konkurrenz sowie von gewaltbereiten Gangstern wird der ambitionierte Einwanderer gepeinigt, wie ein Stehaufmännchen trotzt er wacker allen Widrigkeiten und will unbeirrt seinen großen Plan verwirklichen. Auch menschlich sieht Morales sich gefordert. Die Ehe kriselt zunehmend unter dem enormen Druck, sein befreundeter Mitarbeiter verliert bei einem bewaffneten Überfall die Nerven und stellt mit seiner Flucht vor der Polizei die Loyalität des Chefs auf eine extreme Probe.
 
Auch in seinem dritten Streich überzeugt Chandor durch eine makellos konstruierte Dramaturgie, die den Helden in ausweglosen Situationen über sich selbst hinauswachsen lässt, und dessen wahrhafte Aufrichtigkeit samt chronischer Verletzlichkeit so unaufdringlich wie unerbittlich zu Mitgefühl und Mitfiebern verlockt. Dem Charme sympathisch smarter Underdogs erliegt man bekanntlich gerne und begleitet ihren aufrechten Gang gegen die Windmühlen des Schicksals allemal empathisch mit. Wirklich tragfähig wird diese Konstruktion jedoch erst, wenn sie auf gängige Klischee-Balken verzichtet und die Figuren ohne Kitsch-Krücken daherkommen. Die Effizienz solcher Plausibilität erweist sich bei einem banalen Wild-Unfall auf nächtlicher Straße, der zum wahren Horror-Trip gerät oder jener rasanten Verfolgungsjagd eines Lkws durch ein verlassenes Industriegebiet – wer beim Überfahren des Stopp-Schildes den obligatorischen Crash von der Seite erwartet, wird von Chandor einfallsreicher bedient. Mit einer sehr langen Sequenz lässt er die Hatz zu Fuß fortsetzen, um sie, nicht minder nervenaufreibend, furios in einer U-Bahn enden zu lassen – so packend kann cleveres Actionkino aussehen, wenn es zwingend konsequent daherkommt.     
 
Mit scheinbar mühelosem Einsatz bietet Hauptdarsteller Oscar Isaac eine Glanzleistung. Der charismatische Coen-Held aus „Inside Llewyn Davis“ und kommende „Star Wars“-Darsteller präsentiert so leinwandpräsent wie präzise eine mitreisende Mischung aus glaubwürdiger Coolness und Verletzlichkeit. (Seine enorme Wandlungsfähigkeit stellt Isaac diesen Monat noch als moderner Frankenstein im futuristischen „Ex Machina“ unter Beweis.) Mit Jessica Chastain als selbstbewusster Ehefrau und Gangster-Tochter hat er eine nicht minder überzeugende Partnerin, deren Auftritt mit einer Golden Globe-Nominierung belohnt wurde. 
 
Mit nur drei Filmen hat der 41-jährige Autor und Regisseur Chandor sich als kompromissloser Kinokünstler etabliert, der virtuos beweist, wie smart und spannend sich Storys mit Substanz und Haltung erzählen lassen. Filmkunst vom Feinsten!
 
Dieter Oßwald