A Rainy Day In New York

Woody Allen schickt das Kinopublikum ins moderne New York und präsentiert ein einerseits vergnügliches und gelegentlich melancholisch angehauchtes Märchen um junge Menschen und die Liebe … und natürlich über die Stadt seiner Träume. Das New York in Woody Allens Filmen hat nie existiert – alle seine Werke zeigen über die Jahrzehnte viele einzelne Facetten der Stadt, immer wieder neu und faszinierend. Hier kommt eine weitere hinzu, und sie ist so bittersüß wie ein Manhattan-Cocktail.

Webseite: www.ARainyDayInNewYork-derFilm.de

USA 2019
Regie & Buch: Woody Allen
Darsteller: Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez, Jude Law, Liev Schreiber
Kamera: Victorio Storaro
Länge: 92 Minuten
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 5. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Gatsby Welles – er heißt wirklich so – ist ein verwöhnter, hübscher Collegebubi aus New York mit dermaßen reichen Eltern und dementsprechend großem Selbstbewusstsein, dass seine Besserwisserei und die zahlreichen Spleens bei seinen Altersgenossen eher originell als nervig wirken. Natürlich hat der Schönling auch eine zauberhafte Freundin, die entzückend naive Ashleigh, die sich in der Redaktion der Collegezeitung als Journalistin profiliert. Gerade hat sie ein Interview mit dem bekannten Filmregisseur Roland Pollard an Land gezogen. Dafür muss sie nach New York fahren. Dies nimmt Gatsby zum Anlass für ein kuschliges Romantik-Wochenende in seiner Heimatstadt, zu dem er Ashleigh einladen möchte – inklusive Edelherberge, Kutschfahrt durch den Central Park und diversen anderen Sensationen aus alten Zeiten, die Gatsby seiner Liebsten schon immer mal zeigen wollte. Das schafft natürlich nicht einmal ein Millionärssohn vom Taschengeld – nur gut, dass der Junge auch noch ein begnadeter Pokerspieler ist! Doch kaum sind die beiden angekommen, läuft alles aus dem Ruder. Nicht nur das Regenwetter durchkreuzt Gatsbys Pläne. So sieht er sich ganz unerwartet solo, während Ashleigh durch das Interview mit dem vom Leben enttäuschten Filmregisseur Pollard – er heißt wirklich so – in einen Strudel von Ereignissen gerät, die sie überallhin führen, nur nicht an Gatsbys Seite. Der trifft inzwischen Shannon wieder, die kleine Schwester seiner Ex, und spielt mit ihr in einem Film mit, er läuft seinen ahnungslosen Eltern über den Weg, engagiert ein Escort Girl, erfährt interessante Neuigkeiten über seine Mutter und lässt sich ansonsten telefonisch immer wieder von Ashleigh vertrösten, die auf der Jagd nach der großen Story ihren Liebsten komplett vergisst, weil sich ein veritabler Filmstar an sie heranmacht. Die große Frage also lautet: Wird das Paar an diesem Wochenende überhaupt wieder zusammenfinden?
 
Was auf den ersten Blick wie ein Woody Allen-Film as usual aussieht, vielleicht sogar ein bisschen mainstreamiger wegen seiner offensichtlichen Orientierung auf ein jüngeres Publikum, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ungewöhnliches Kunstwerk, das mit viel Selbstironie und einer großen Portion Melancholie aufwartet, beides vielleicht sogar mit bedingt durch die Probleme, mit denen Woody Allen bekanntlich seit Jahrzehnten zu tun hat und die hier nicht näher besprochen werden müssen. Der Film ist an sich interessant genug, und das Faszinierendste daran ist neben dem hohen Unterhaltungsfaktor, wie sehr Woody Allen sein Handwerk beherrscht und aus einer an sich einfachen Grundstory dank seiner originellen Charaktere, geschliffener Dialoge und zahlloser Verwicklungen neunzig Minuten witzige Unterhaltung zaubert, wobei er zum x-ten Mal sein New York präsentiert, das genauso schön und interessant ist wie die Versionen davor. Diesmal holt er einmal mehr das alte New York aus den Tiefen der Vergangenheit – inklusive einer gleichzeitig idealisierten und ironisierten Atmosphäre, die wenig aktuelle Bezugspunkte liefert, dafür aber umso mehr Erinnerungen an frühere Zeiten weckt. Dazu gehört auch die wie gewohnt sowohl routinierte als auch inspirierte Bildgestaltung von Victorio Storaro („Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“), mit dem Woody Allen bereits in „Café Society“ zusammenarbeitete, sowie der herrlich altmodische, jazzige Soundtrack. In der Verbindung mit dem trüben Regenwetter entsteht so wieder ein ganz neues Bild der Stadt. Im Grunde spielt New York die dritte Hauptrolle, was dem Film zusätzlich zur Liebesgeschichte den typischen Woody-Allen-Touch gibt. Hinzu kommt der unverkennbare, inzwischen beinahe sarkastische, selbstironische Unterton, zumindest bei allem, was mit Film und Medien zu tun hat.
 
Diesmal arbeitet Woody Allen mit zwei ganz jungen Protagonisten: Gatsby ist im Grunde das optische Gegenteil seines Schöpfers – ein groß gewachsener, schöner junger Mann mit wallendem, engelsgleichem Haupthaar anstatt des spillerigen, dünnen, bebrillten Rotschopfes, der er selbst war. Gemeinsam haben sie lediglich die Außenseiterrolle sowie die Begabung fürs Pokern – Woody Allen war als College-Student ein berüchtigter Zocker. Dem Upperclass-Bengel Gatsby stehen alle Türen offen, was ihm aber egal ist. Er weiß zwar nicht, was er will, aber das mit ganzer Kraft. Zu Beginn ist Gatsby in seiner indifferenten, besserwisserisch intellektuellen Art beinahe unsympathisch. Für Ashleigh, die im Gegensatz zu ihm leicht zu begeistern ist, und zwar prinzipiell für alles, ist Gatsby ein Exot. Sie wirkt naiv und doof, aber das ist sie nicht. Sie ist ein sehr braves Mädchen, eine vorbildlich spießige, leicht verkrampfte Südstaatenschönheit, eine von denen, die sich überall engagieren und zu allem eine Meinung haben, auch wenn es an Wissen fehlt. Ihre Offenheit ist dabei durchaus positiv zu betrachten, denn immerhin will sie dazulernen, ganz im Gegensatz zu Gatsby, der schon alles weiß oder zumindest so tut. Außerdem hat sie Emotionen. Wovon er zu wenig hat, hat sie generell zu viel und umgekehrt. Elle Fanning spielt die schwierige Rolle sonnig lächelnd mit viel Sinn für Situationskomik und mit einem verblüffend guten Timing. In ihrer Mischung aus exaltierter Begeisterung und Empathie wirkt sie im Gegensatz zu Gatsby eher erfrischend. Sie ist weniger das doofe Blondchen als die artige Musterschülerin vom Lande. Und Elle Fanning lässt dabei richtig die Post abgehen, während das junge Genie Timothée Chalamet einmal mehr mit einer unübertrefflich coolen Arroganz und mit ephebischem Charisma überzeugt. Selena Gomez als niedliche Shannon spielt erstaunlich sicher und kann ebenfalls locker neben ihm bestehen. Die Drei geben New York – der Stadt, die hier eher melancholisch trübe als aufregend wirkt – so viel jugendliche, belebende Frische, dass die Komödie bis zum Ende ihre Spannung hält, auch wenn es weniger zu lachen als zu lächeln gibt und das Tempo eher behäbig ist. Aber schließlich sollte auch ein Manhattan richtig dosiert und in kleinen Schlucken genossen werden.
 
Gaby Sikorski

Kein Regisseur lieferte in den letzten 40 Jahren so verlässlich, jahrein, jahraus, Filme ab wie Woody Allen. Beileibe nicht alle waren Meisterwerke, zwischen den Klassikern der modernen Filmgeschichte nahm der New Yorker Regisseur kreative Auszeiten, variierte, wiederholte seine bekannten Themen. So auch in „A Rainy Day in New York“, der dem Allen-Kosmos nichts hinzufügt, dabei jedoch grundsolide ist.

Für ihre Uni-Zeitung soll Ashleigh (Elle Fanning) in New York den berühmten Filmemacher Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen. Gute Gelegenheit für ihren Freund, den in den besseren Kreisen Manhattans aufgewachsenen Gatsby Welles (Timothée Chalamet), seiner Freundin seine Lieblingsorte zu zeigen. Doch das geplante romantische Wochenende in der Metropole wird zunehmend zu einem trüben Tag und das liegt nicht nur am Dauerregen.
 
Ashleigh wird dank ihrer stupiden Naivität zur Muse des an sich und seiner Kunst zweifelnden Regisseurs, begleitet ihn zu einer Vorführung des neuen Werks, wo sie auch den Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law) kennen lernt, der ebenso mit Beziehungsproblemen kämpft wie der verführerische Schauspieler Francisco Vega (Diego Luna), der Ashleigh unverfroren den Hof macht.
 
Während er seiner noch-Freundin hinterher telefoniert, lernt Gatsby derweil die kleine Schwester einer Ex-Freundin kennen: Chan (Selena Gomez) ist inzwischen herangewachsen und liegt deutlich mehr auf einer Wellenlinie mit dem notorischen Melancholiker Gatsby, als die aus dem verschlafenen, konservativen Arizona stammende Ashleigh.
 
2018 war das erste Jahr seit den späten 70ern, in dem kein Woody Allen-Film ins Kino kam.  Grund waren die im Zuge der #metoo-Bewegung wieder aufgebrachten Vorwürfe der sexuellen Belästigung, die zwar von mehreren Richtern als nicht glaubwürdig eingestuft wurden, Allen aber wohl bis ans Ende seiner Tage verfolgen werden. Was wohl auch mit einer viel weitergehenden Kritik an seinem Frauenbild zu tun hat, einer Vorliebe für sehr junge Frauen, die sich in sehr vielen seiner Filme in deutlich ältere, oft von Allen selbst gespielte Männer verliebten. Dieser Allen-Standard wird in „A Rainy Day in New York“ zwar nicht bedient – in einem Moment, den man als Selbstironie verstehen könnte, wundert sich Gatsby, der Allen-Typ dieses Films, sogar über die Vorliebe junger Frauen für ältere Männer – das Frauenbild ist dennoch das größte Problem des Films.
 
Besonders die von Elle Fanning gespielte Ashleigh kommt dabei schlecht weg, ist nicht nur naiv, sondern nachgerade dumm und wird in einer besonders unschönen Szenen gar nur in Unterwäsche und Trenchcoat in den Regen geschickt, nachdem sie unsanft aus dem Bett eines angehenden Liebhabers geworfen wurde.
 
Nicht nur diese Szene wirkt seltsam abgehakt, losgelöst vom Rest eines Films, in dem ein ganzer Haufen hervorragender Schauspieler versucht, einem Drehbuch Leben einzuhauchen, dessen Dialoge nur bisweilen funkeln. Manchmal scheint er auf, der pointierte Wortwitz, der Allen zu einem der besten Autoren der Filmgeschichte machte, die schonungslose Art, mit der er Beziehungen, das ewige Spiel zwischen Mann und Frau, sezierte.
 
Woran auch immer es liegen mag: In „A Rainy Day in New York“ funktioniert die ansonsten so gut geölte Allen-Maschine nur im Ansatz. Selbst die Bilder seines aktuellen Stammkameramanns Vittorio Storaro wirken oft hölzern und ungenau. Nur in manchen Momenten funktioniert die Melancholie für eine untergegangene Welt – eine Welt, die von Namen wie Gatsby oder Welles angedeutet wird – als Zeichen für sich verändernde Zeiten, in denen der typische Woody Allen vielleicht keinen Platz mehr hat.
 
Doch der nächste Woody Allen-Film ist schon abgedreht, fern der New Yorker-Heimat in Spanien entstanden. Vielleicht findet Allen dort noch einmal zu der Klasse, die ihn einst zu einem der originellsten Chronisten New Yorks machte.
 
Michael Meyns