A Thought of Ecstasy

Ein Mann ist in einem futuristischen Amerika auf der Suche nach seiner großen Liebe. In einem von politischer Paranoia geprägten Land, trifft er verschiedene Frauen, die ihn in eine Welt aus Verführung und Lust entführen. „A Thought of Ecstasy“ ist ein provozierender Mix aus Erotik, Mystery-Thriller und Roadtrip, der verstört und gleichzeitig in seinen Bann zieht. Träume verschwimmen mit der Wirklichkeit, Fiktionales mit Realem. Hinzu kommen verschiedene Erzählperspektiven und miteinander verwobene Zeitebenen. „A Thought of Ecstasy“ ist ein herausforderndes Werk, wie gemacht für Fans von David Lynch.

Webseite: www.a-thought-of.com

Deutschland 2017
Regie & Drehbuch: RP Kahl
Darsteller: Rolf Peter Kahl, Ava Verna, Deborah Kara Unger, Lena Morris
Länge: 87 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema
Kinostart: 25. Januar 2017

FILMKRITIK:

August 2019: Frank (Rolf Peter Kahl) erkennt in einem Tagebuch-Roman seine eigene, zwanzig Jahre zurückliegende Geschichte wieder. Er erinnert ihn an Maria (Lena Morris), seine große Liebe, die ihn einst verließ, um nach Amerika auszuwandern. Frank entschließt sich, sein altes Leben hinter sich zu lassen und ebenfalls in die USA zu reisen. Seine Hoffnung: Maria wiederzufinden. Als Anhaltspunkte dienen die im Buch beschriebenen Orte. Er durchquert menschenleere und trockene Landstriche. Ein Land, gebeutelt von einer erdrückenden Hitzewelle. Seine Suche führt Frank ins berühmte Death Valley, wo er auf die ebenso geheimnisvolle wie anziehende Nina (Ava Verna) trifft.

„A Thought of Ecstasy“ ist der dritte Spielfilm von RP Kahl, der hier nicht nur Regie führte und die Hauptrolle spielt, sondern auch das Drehbuch verfasste. Als Schauspieler war er zuletzt vor allem in Krimi-Formaten zu sehen, u.a. im „Tatort“, „Alarm für Cobra 11“ und „Großstadtrevier“. Kahl ließ sich für seinen Film von Michelangelo Antonioni und dem Schriftsteller George Batailles beeinflussen. „A Thought of Ecstasy“, der an der US-Westküste gedreht wurde, erlebte seine Weltpremiere 2017 auf dem Filmfest München.

Bei seiner Premiere sorgte der provokative Genre-Mix für extreme Reaktionen. Die einen zeigten sich begeistert von RP Kahls Kühnheit und Mut, seinen Kunstfilm in drastische und traumwandlerische Bilder zu kleiden. Die anderen waren schockiert, z.B. von der offen zur Schau gestellten Erotik. Beide Reaktionen sind nachvollziehbar: er übt mit seinen surrealen, an David Lynch erinnernden Elementen und dem spirituell-philosophischen Überbau einerseits, einen großen Reiz aus. Andererseits wirken die Freizügigkeit und inhaltliche Verquickung von Verführung, (männlicher) Begierde und Sexualität, die Kahl in sinnliche, helle Bilder taucht, immer wieder verstörend. Zu sehen gibt es neben einer minutenlangen Masturbationssequenz, u.a. einen lesbischen Liebesakt, Sex unter Wasser, SM-Spiele und offen zur Schau gestellte Geschlechtsteile.

Sicher ist: „A Thought of Ecstasy“ fordert den Zuschauer, sich ganz auf diesen kontroversen Film einzulassen. Gerade auch was die erzählerische Form angeht. Denn Kahl vermengt Vergangenheit und Gegenwart sowie die Traum- bzw. Gedankenwelten seiner Hauptfigur mit tatsächlichen Ereignissen in der filmischen Realität: mal ertönt Franks Stimme aus dem Off, die von seiner Vergangenheit mit Maria berichtet. Mal sind Stellen aus Marias Tagebuch zu hören. Und dann trifft Frank im Laufe der (in der Gegenwart verorteten) Haupthandlung auf einige höchst verführerische Frauen, die ihn mit verborgenen Sehnsüchten und drastischen Machtspielen konfrontieren.

Kahl schickt seine Hauptfigur auf eine nicht-chronologische Reise, auf der die Erzähl- und Zeitebenen also kontinuierlich miteinander verschwimmen und ineinander greifen. Das ist reizvoll und der Film entwickelt so einen Sog, dem man sich als Betrachter nur schwer entziehen. Es verlangt aber auch Konzentration und den Willen, sich seine eigenen Gedanken über das Gezeigte zu machen. Denn Erklärungen liefert der Film keine.

Was ist Einbildung, was ist real? Was ist längst vergangen und was passiert gerade? Erzählt der Film nur die Handlung des Buches? Welche Bedeutung hat das Ende, in dem sich alles – im wahrsten Sinne – „auflöst“? Diese und noch weit mehr Fragen, lässt „A Thought of Ecstasy“ weitestgehend offen. Wer also seine Freude an Gedankenspielen und Interpretationen hat, der wird bei „A Thought of Ecstasy“ auf seine Kosten kommen.

Björn Schneider