A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

Eigentlich wollte das Pixar-Animationsstudio nie Fortsetzungen drehen, doch der kommerzielle Druck war zu groß. Das auch „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“, der vierte Teil der „Toy Story“, nicht nur Geldmacherei ist, sondern ein erstaunlicher, tief berührender, stilistisch außerordentlicher Film zeigt nach einigen durchwachsenen Filmen, zu welcher Klasse Pixar immer noch fähig ist.

Webseite: deinkinoticket.de/AToyStory

Animationsfilm
USA 2019
Regie: Josh Cooley
Buch: Andrew Stanton & Stephany Folsom
Länge: 100 Minuten
Verleih: Disney
Kinostart: 15. August 2019

FILMKRITIK:

Am Ende von „Toy Story 3“ sah die Welt für die Cowboy-Puppe Woody und seine Freunde um den Astronauten Buzz Lightyear noch rosig aus: Bei dem Mädchen Bonnie hatten sie ein neues zu Hause gefunden, nachdem ihr bisheriger Besitzer Andy zu alt war, um mit Spielzeug-Puppen zu spielen. Doch bei Bonnie ist Woody nicht mehr automatisch der Chef im Kinderzimmer, sondern spielt nur die zweite Geige.
 
Doch Woody weiß was Kinder brauchen und so schafft er es, Bonnie bei ihrem ersten Tag im Kindergarten zu helfen, jedoch mit ungeahnten Folgen: Aus Abfall baut sie sich ein eigenes Spielzeug namens Forky, der fortan ihr ein und alles ist. Ganz uneigennützig setzt Woody dann auch alles daran, Forky wiederzufinden, als dieser bei einem Familienausflug verlorengeht. Dummerweise befindet sich Forky in den Händen einer durch dauernde Einsamkeit psychisch instabilen Puppe namens Gabby Gabby. Diese fristet in einem Antiquitätenladen eine einsame Existenz während auf dem benachbarten Rummelplatz Spielzeug haust, das sich frei von Bindungen an Kinder wohl fühlt. Unter anderem auch die reizende Schafhirtin Bo Peep. Und die war einst Woodys große Liebe.
 
Wie mag sich ein Spielzeug fühlen, mit dem kein Kind spielt? Das ist die existentielle Frage, die dem vierten Teil der Toy Story-Saga zugrunde liegt. Vor allem Woody, Held und Hauptfigur der Filme, ringt damit, nicht mehr erste Wahl zu sein, von neueren, auf den ersten Blick aufregenderem Spielzeug ersetzt zu werden. Doch im Gegensatz zur später auftauchenden Antagonistin Gabby Gabby, die ob der ihr entgegengebrachten Missachtung verbittert wurde, hat Woody ein gutes Herz. Er setzt sich für die anderen Spielzeuge ein, pocht auf einem Gemeinschaftssinn, der auch in seiner Spielzeugwelt verloren zu gehen droht, und übersieht dabei doch, dass auch er loslassen muss.
 
Es ist immer wieder erstaunlich, welche Komplexität, welche, ja, menschlichen Emotionen, die äußerlich so schlicht und kindlich wirkenden Gestalten in vielen Pixar-Filmen entfalten. Sei es der einsame Roboter Wall-E oder die visualisierten Emotionen in „Alles steht Kopf“: Gerade wenn Pixar nicht menschliche Figuren zum Leben erweckt, scheint die Kreativität besonders beflügelt zu sein. So ist auch „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ erneut eine erstaunliche Fortentwicklung der Tricktechnik, besticht das von Josh Cooley inszenierte Abenteuer durch oft fotorealistische Bilder vom Regen, von sich im Wasser spiegelnden Lichter und einer animierten Katze, die fast für echt gehalten werden könnte.
 
Und doch sind die oft atemberaubenden Bilder nicht das wichtigste – zum Glück. Nachdem auch Pixar in den letzten Jahren oft auf dasselbe Muster zurückgriff, wie allzu viele Hollywood-Blockbuster und fast den gesamten dritten Akt ihrer Filme zu einer rasanten Achterbahnfahrt reduzierte, ist „Toy Story 4“ geradezu zurückhaltend. Nicht von Action, sondern Emotionen ist das Finale geprägt, überwältigt wird nicht durch eine ausufernde Verfolgungsjagd, sondern durch die Erkenntnis, dass es manchmal notwendig ist, loszulassen und einen neuen Weg zu gehen.
 
Michael Meyns