Aber das Leben geht weiter

Es geht um eine doppelte Vertreibung, die einer polnischen Familie und die einer deutschen Familie aus ihren Heimathöfen. 65 Jahre später begegnen sich aus diesen beiden Familien sechs Frauen aus drei Generationen. Karin Kaper verfolgt hier das Schicksal der eigenen Mutter. Ihre Dokumentation, in der ebenso viel Sprachlosigkeit wie Versöhnlichkeit herrscht, gleicht einer vorsichtigen Bestandsaufnahme.

Webseite: www.karinkaper.com

D 2011
Dokumentarfilm
R: Karin Kaper
K: Dirk Szuszies
Mit: Edwarda Zukowska, Ilse Kaper, Gabriela Matniszewska, Hertha Christ, Karin Kaper
L: 104 Min., OmU
Start: 19.5.

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Bäume sind groß geworden, die Äpfel schmecken immer noch gut, aber die Wege sind andere. Zwei Schwestern, beide um die 80 Jahre alt, suchen nach Erinnerungen an die Zeit vor 70 Jahren, an das unermüdliche Säen, Pflanzen und Ernten auf dem Bauernhof ihrer Eltern östlich von Görlitz, in dem Dorf Niederlinde, das jetzt Platerówka heißt. Bei der vielen Arbeit auf dem Hof reichte der Blick kaum über den Rand der Felder hinaus. Irgendwann kam der Krieg, dann die Russen, vor denen sich die Mädchen im Heuboden versteckten. Monatelang wusste keiner, wie es weiterging, bis im Juni 1946 der Befehl kam: In einer Stunde müssen alle mit nichts anderem als Handgepäck auf dem Dorfplatz erscheinen. Die gesamte Familie wurde nach Syke bei Bremen umgesiedelt. "Das Volk muss leiden unter dem, was die Politik befiehlt", sagt Ilse Kaper schlicht, "Wir können da nichts ändern."

Auf dem Hof wurde eine aus Ostpolen vertriebene Bauernfamilie angesiedelt. Deren Tochter Edwarda, heute 86 Jahre alt, lädt die Schwestern jetzt an ihre Kaffeetafel. Edwardas Familie wurde unter Stalin nach Sibirien zur Zwangsarbeit deportiert, später musste die Sechzehnjährige in der Roten Armee dienen, bis ihrer Familie nach einer von Hungersnöten geprägten Odyssee durch Asien der Hof von Ilse Kapers Eltern zugewiesen wurde. Da sie sich nicht der kollektiv geführten Landwirtschaft anschliessen wollten, litten sie wieder unter Repressalien. Edwarda erzählt schnell, nüchtern und in sich gekehrt. Ihre Tochter und Enkelin sagen, das Unrecht gegen die Zivilbevölkerung sei durch nichts zu entschuldigen.

Für Ilse Kaper und ihre Schwester Herta ging das Leben an der Weser gleich mit viel Aushilfsarbeiten weiter. Die zwei erinnern sich an den Streuselkuchen der eigenen Mutter. Sie sei nicht verbittert gewesen über den Verlust des Hofes, sie habe in sich geruht.

Da es sich hier um Familienangehörige handelt, überwiegt Diskretion eine objektive Distanz. Die beiläufige Erzählweise, die die geschichtliche Schwere umgeht, verliert sich in Nebenschauplätzen. So nehmen in den Bildern die Kaffeerunden und Spaziergänge viel Raum ein, abgelöst durch Ballspiele in Super-8-Filmen, Spieluhren, Alleen. Blicke aus fahrenden Zügen in Abendlandschaften begleiten Edwardas Erzählungen im polnischen Originalton mit deutschen Untertiteln. Nachgehakt wird kaum, auch über das Zusammenleben beider Familien im Jahr 1945 ist kaum etwas zu erfahren.

Medien- und ausdrucksscheue Menschen vor laufender Kamera zu inszenieren, ist nicht einfach. Die Befangenheit setzt sich hinter der Kamera fort. Karin Kaper, die mit Dirk Szuzies bereits zwei Dokumentationen über das New Yorker "Living Theatre" machte, griff mutig in die eigene Familiengeschichte, verzichtet aber auf Straffungen, Nachfragen und unterstützende Hintergrundinformationen. Das Publikum muss mit den politischen Umwälzungen des Zweiten Weltkrieges bereits vertraut sein, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Die mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit geförderte, filmische Begegnung der Vertriebenen, bleibt als zu lang geratene, aber hochsensible Skizze stehen.

Dorothee Tackmann