Above And Below

Auf eine spannende Reise weit weg von Menschenmassen und zivilisierter Welt begibt sich Debütfilmer Nicolas Steiner in seiner erhellenden filmischen Abschlussarbeit „Above and Below“. Das gezeigte alltägliche Dasein und der Überlebenskampf seiner Porträtierten, die u.a. in der Kanalisation von Las Vegas oder in einer verlassenen Wüste Utahs leben, erweitern den Blick des Zuschauers auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben und sorgen für spannende Einblicke in fremde, verborgene Welten. Man muss für die zweistündige Doku Geduld und Ausdauer mitbringen, wird aber mit fesselnden Lebensrealitäten und einer sinnlichen Bildkomposition sowie sanften Erzählweise belohnt.

Webseite: www.dejavu-film.de

Schweiz 2015
Regie: Nicolas Steiner
Drehbuch: Nicolas Steiner
Länge: 118 Minuten
Verleih: Deja Vu Filmverleih
Kinostart: 25. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

„Above and Below“ begibt sich auf Reisen zu Menschen, die abseits der Zivilisation in gänzlich ungewohnten Lebensräumen und weit weg von Luxus und Reichtum im Einklang mit der sie umgebenden Natur hausen. Da ist z.B. ein Paar, das seit Jahren in den dunklen Kanälen unter der Metropole Las Vegas nur mit dem Nötigsten auskommt. Oben („Above“) der Luxus, unten („Below“) die Armut und der Überlebenskampf. Im Niemandsland Kaliforniens bewohnt Dave einen verlassenen Bunker und bekommt das Jahr über – im trockensten Landstrich des Staates – nicht nur keinen Regen, sondern auch kaum eine Menschenseele zu sehen. Oder April, die sich in der steinigen Wüste Utahs auf ihre Marsmission vorbereitet. Mit ihrem Team von der NASA übt sie in der Steinwüste den Einsatz auf einem fremden Planeten.

Der Debütfilm „Above and Below“ von Nicolas Steiner ist gleichzeitig auch der Abschlussfilm seines Regie-Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg. Steiner wurde 1984 in einem kleinen Schweizer Dorf im Wallis geboren. Auf den Weg in die große weite Welt begab er sich mit seinem ersten Kinofilm, der ihn in drei verschiedene US-Bundesstaaten führte. Steiner zeigte sich ungemein fasziniert und angetan von den Porträtierten, denen er – laut eigener Aussage –  in ihren ungewohnten Lebensräumen „Stimme und Gesicht“ geben wollte.

Die große Stärke des Films ist die intime Nähe, die die Protagonisten dem jungen Filmemacher gewähren und die sich auch auf den Betrachter des Films überträgt. Vertrauensvoll, offen und ohne Scheu vor der Kamera gewähren sie Steiner und dem Zuschauer einen intensiven und ausgiebigen Einblick in ihre abgeschottete Welt und Lebensrealität. Diese spielt sich entweder tief unter der Erde oder in der Weite der Steppe ab. So entstehen intime, behutsame Porträts dreier Aussätziger, die bewusst das Leben abseits von Menschenmassen, Konsum und Luxus gewählt haben.

Gemeinsam ist den Porträtierten der unterschiedliche Blick auf das Leben und die Welt, und das was wirklich zählt. Besonders spannend gestalten sich die Szenen, die das obdachlose Paar  Cindy und Rick bei ihrem täglichen Überlebenskampf auf engstem Raum zeigen, dabei aber zu keinem Zeitpunkt unzufrieden oder unglücklich wirken. Wir werden Zeuge was es heißt,  im weit verzweigten Kanalsystem unter den erleuchteten Straßen der Glitzer-Metropole Körperpflege und –hygiene zu betreiben, auf Lebensmittel-Suche zu gehen und wie sich das Leben „below“ auf eine Partnerschaft und Beziehungs-Intimtäten auswirkt.

Der Wüstenfuchs Dave hat hingeben bei seinem Bunkerleben vor allem mit der Hitze und Dürre im Gebiet zu kämpfen. Doch auch bei ihm: keine Spur von Resignation, im Gegenteil: seine Lebensfreude und seine ausgelassene Stimmung wirken ansteckend. Dave trommelt voller Elan und Energie auf sein Schlagzeug ein oder spielt in der endlosen Wüste auf seinem Motorboot den einsamen Kapitän auf dem Meer. Er tut dies alles ungestört und ohne eine Menschenseele, er genießt die Freiheit und ist im Einklang mit sich und der (Um)welt.

Regisseur Steiner findet für seinen ersten Langfilm eine sanfte, ruhige Bildsprache voller Gegensätze. Diese manifestieren sich vor allem auch in der ausgewogenen Schnittarbeit. Geschickt montiert er Bilder von der glitzernd-hellen Edel-Metropole Las Vegas unmittelbar an Szenen aus der tiefsten Dunkel- und Abgeschiedenheit unter den Straßen, der Heimat von Cindy und Rick. Durch die verhaltene sowie milde Erzählweise und Bildsprache wird der Zuschauer gezwungen, sich mit Geduld und Ausdauer auf das Gezeigte einzulassen, zumal der Film für eine Dokumentation mit 120 Minuten Laufzeit fast episch anmutet.

Björn Schneider