Abschied von gestern

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Einer der wichtigsten deutschen Autorenfilme der 60er-Jahre kommt zurück auf die große Leinwand. Mit „Abschied von gestern“ (1966) inszenierte Alexander Kluge einen vielschichtigen, dokumentarisch anmutenden Film, der sich gleichermaßen als Gesellschaftsdrama und Porträt einer außergewöhnlichen Frau lesen lässt. Einer Jüdin aus der DDR, die auch in Westdeutschland nicht das bekommt, wonach sie sich sehnt: Akzeptanz, Heimat und Glück.

BRD 1966
Regie: Alexander Kluge
Buch: Alexander Kluge
Darsteller: Alexandra Kluge, Hans Korte,
Edith Kuntze-Peloggio, Palma Falck

Länge: 88 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 19. Oktober 2023

FILMKRITIK:

Die Jüdin Anita G. (Alexandra Kluge) kommt 1957 von Leipzig in den Westen. Die folgenden Jahre versucht sie, sich in der BRD ein neues Leben aufzubauen und in der westdeutschen Gesellschaft anzukommen. Doch ohne Erfolg. Wegen eines Diebstahls gerät sie gleich zu Beginn mit dem Gesetz in Konflikt. Sie flieht vor der Bewährungshelferin und versucht sich in verschiedenen Jobs. Mit einem ihrer Chefs beginnt sie ein Verhältnis, doch dieser lässt Anita aus Liebe zu seiner Frau schließlich fallen. Später flüchtet sie sich in eine Affäre mit dem Ministerialrat Pichota (Günter Mack), aber auch mit ihm wird Anita nicht glücklich. Am Ende stellt sich Anita G. der Polizei.

Regisseur Alexander Kluge war, neben Fassbinder, Schlöndorff und Herzog, einer der führenden Vertreter des „Neuen Deutschen Films“ in den 60er- und 70er-Jahren. Mit seinem Debüt „Abschied von gestern“ schuf er einen Klassiker dieser Bewegung junger Filmemacher, deren Werke mit gängigen Sehgewohnheiten brachen und die sich politischen Themen annahmen.

Der Titel lässt es bereits vermuten. „Abschied von gestern“ handelt von einer Protagonistin, die ihr altes Leben hinter sich lassen möchte. Sie will mit den Traumata der Vergangenheit (Verfolgung durch die Nazis, Kriegserfahrungen) abschließen und hat sich dafür mit Westdeutschland eigentlich den passenden Ort für den Neustart ausgesucht. Dies nutzt Kluge geschickt, um die gesellschaftliche Stimmung und das Leben in der BRD der späten 50er- und frühen 60er-Jahre einzufangen. Der Wind des Auf- und Umbruchs wehte durchs Land. Das Althergebrachte galt es abzuschütteln, die Menschen strebten nach Veränderung und Neuanfang.

Und durch das Wirtschaftswunder hatten die Bürger mehr Geld in der Tasche. Viele genehmigten sich nach Jahren der Entbehrung ausgiebige Shopping-Touren sowie Restaurant- oder Kinobesuche – lange Zeit als Luxusaktivitäten gebrandmarkte Freizeitbeschäftigungen. Und so beobachten wir Anita bei ihren Streifzügen durch die Stadt, stets mit Koffer in der Hand. Wir folgen ihr ins Kaffeehaus, Hotel, sind beim Kinobesuch dabei. Oder wenn sie sich in einer Edel-Boutique einen teuren Pelzmantel kauft. Kluge heftet sich an ihre Fersen und ist mit seiner (Hand)Kamera immer dicht bei seiner Hauptfigur.

Das verleiht dem Film etwas Wahrhaftiges und Unmittelbares. Wobei sich diese Elemente, die an Dokumentationen erinnern, vielfach an anderen Stellen zeigen. Wenn Kluge die Menschen auf den Straßen filmt und mitten in die Massen der Passanten eintaucht, scheint es, als porträtiere der Regisseur das Leben und Treiben in den Städten der Wirtschaftswunderjahre.

Die ungewöhnliche, da sprunghafte Erzählstruktur und die Verwendung einer unkonventionellen Schnitttechnik stehen außerdem stellvertretend für Kluges Experimentierfreude. Großartig ist die Nutzung einiger technischer Stilmittel (z.B. des Zeitraffers) und filmischer Methoden, um Anitas Odyssee und Flucht vor sich selbst zu visualisieren. Durch die beschleunigten Bewegungen Anitas wirkt es, als hetze sie durch die Stadt, von einer Station zur nächsten. Wie eine Getriebene, stets auf der Suche nach Glück und Ruhe. Das zeigt sich auch an ihren beruflichen Stationen, die sie wechselt wie manch anderer die Kleidung: Sie arbeitet als Vertreterin für eine Plattenfirma, wird Krankenschwester, später Zimmermädchen. Schließlich schreibt sie sich an der Uni für ein politisches Studium ein, für das sie nicht geeignet ist.

Dass Anita niemals in ihrer neuen Heimat ankommen und inneren Frieden finden wird, ist die große Tragik des Films und seiner Hauptfigur. Alexandra Kluge, die Schwester des Regisseurs, füllt ihre Rolle souverän aus. Sie schafft es, auf unverstellte und sensible Weise die Gefühle ihrer Figur nach Außen zur kehren.

 

Björn Schneider