Adagio – Erbarmungslose Stadt

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Nach mehreren internationalen Produktionen, darunter dem Drogenthriller „Sicario 2“ (2018), kehrt Filmemacher Stefano Sollima nach Rom zurück, um seine thematisch verbundene Trilogie über das Verbrechen in seiner Heimatstadt zu beenden. Auf die Fernsehserie „Romanzo Criminale“ (2008-2010) und die Leinwandarbeit „Suburra“ (2015) folgt das Krimidrama „Adagio – Erbarmungslose Stadt“, das 2023 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Weltpremiere feierte.

Adagio
Italien 2023
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Stefano Sollima, Stefano Bises
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Gianmarco Franchini, Toni Servillo, Valerio Mastandrea, Adriano Giannini, Francesco Di Leva, Lorenzo Adorni, Silvia Salvatori u. a.

Länge: 127 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Verleih/Vertrieb: Plaion Pictures/Central Film Verleih GmbH

FILMKRITIK:

Versank die Metropole am Tiber in „Suburra“ noch in sintflutartigen Regenfällen, ächzt die italienische Kapitale dieses Mal unter einer drückenden Hitzewelle. Oft nur im Hintergrund zu sehen, aber dennoch atmosphärisch spürbar sind die Brände vor den Toren Roms. Heimgesucht wird die Ewige Stadt zudem von wiederkehrenden Stromausfällen, die teilweise sogar direkt in die Handlung eingreifen, die Figuren mit unerwarteten Problemen konfrontieren. Das Gefühl, auf den Untergang zuzusteuern, das schon der vorherige Beitrag der losen Trilogie erzeugte, will Sollima offenkundig erneut heraufbeschwören. Die Welt brennt, und Hoffnung ist nur schwer auszumachen.

Inmitten dieses drückenden Klimas versucht der 16-jährige Manuel (Gianmarco Franchini), so gut es eben geht, über die Runden zu kommen und sich um seinen an Demenz erkrankten Vater Daytona (Toni Servillo) zu kümmern. Einen ehemaligen Gangster, der seine Wohnung inzwischen nicht mehr verlässt. Auslöser der Handlung ist eine Kurzschlussreaktion des Teenagers, der mit dem Gesetz eigentlich nicht in Konflikt geraten will. Von korrupten Polizisten um einen gewissen Vasco (Adriano Giannini) dazu gezwungen, auf einer exklusiven Party belastende Aufnahmen von einem führenden Politiker zu machen, bekommt er es während seines Undercover-Einsatzes plötzlich mit der Angst zu tun und flüchtet mit dem Handy, das ihm die skrupellosen Cops für den Auftrag gegeben haben.

Manuels erste Anlaufstelle ist der mittlerweile erblindete Polniuman (Valerio Mastandrea), ein alter Bekannter seines Vaters aus kriminellen Tagen. Dieser wiederum verweist den aufgelösten Jugendlichen an einen weiteren früheren Weggefährten Daytonas. Doch jener Romeo (Pierfrancesco Favino), gerade erst aus dem Knast entlassen und entschlossen, seinem Gangsterdasein abzuschwören, setzt Manuel zunächst barsch vor die Tür. Nur langsam kann er sich dazu durchringen, dem Jungen unter die Arme zu greifen.

„Adagio – Erbarmungslose Stadt“ vermeidet den Blick auf das touristische Rom, die Sehenswürdigkeiten, die wir alle kennen. Paolo Carneras Kamera fängt vielmehr betont unglamouröse Schauplätze ein: Hinterhöfe, Hausdächer, Straßen und im Finale den Bahnhof von Tiburtina, der im gleichnamigen Ostbezirk der italienischen Hauptstadt liegt. Manuel ist auf der Flucht, ihm auf den Fersen sind die Polizisten, die ihre dreckigen Machenschaften um jeden Preis unter den Teppich kehren wollen. Naheliegend also, dass sich der Film vor allem auf Orte des Transits konzentriert.

Manuels Leben steht auf dem Spiel. Um sein Wohlergehen sollen wir uns sorgen. Mehr und mehr kristallisiert sich allerdings heraus, dass Sollima und Ko-Drehbuchautor Stefano Bises („The New Pope“) über das Schicksal des jungen Mannes vor allem Romeos Geschichte erzählen. Der Ex-Gangster mit der markanten Glatze hat seinen Sohn verloren, hegt deswegen noch immer Groll und schleppt sich, gesundheitlich angeschlagen, von Favino aber mit körperlicher Präsenz versehen, durch sein Leben in Freiheit. Zwischen ihm und Manuel, den der Film öfters aus den Augen verliert, entwickelt sich eine eigenartige, raue Beziehung, die für einige überraschend nachdenkliche Augenblicke sorgt.

Das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen und die Frage, ob eine neue Generation aus dem Kreislauf des Unrechts, der Gewalt ausbrechen kann, sind die übergeordneten Themen von „Adagio – Erbarmungslose Stadt“. Auch Daytonas Versäumnisse geraten in den Fokus. Ebenso der Spagat bei Vasco zwischen kriminellem Tun und der Zeit mit seinen beiden Jungs, mit denen er offenbar alleine zusammenwohnt. Die Tatsache, dass kurz von einem Anwalt die Rede ist, deutet auf Scheidungs- oder Sorgerechtsstreitigkeiten hin. Konkreter wird der Frauen an den Rand oder gleich ins Off drängende Film jedoch nicht. Schwer zu ignorieren sind die homophoben Untertöne in manchen Gesprächen, die man mit einer Portion Wohlwollen als Symptom der hier skizzierten Machokultur erklären kann.

Während „Suburra“ schnell eine starke Sogwirkung entfaltet, lässt es Sollima im dritten Teil seiner Romtrilogie – Adagio steht in der Musik für ein langsames Tempo – merklich ruhiger angehen, passend zu Romeos und Daytonas angegriffener Verfassung. Eine Grundspannung ist vorhanden. Echte Dringlichkeit stellt sich allerdings nur phasenweise ein. Mit enormer Intensität besticht, Toni Servillo sei Dank, zum Beispiel eine Szene, in der sich beim bis dahin mit toten Augen durch die Welt blickenden Daytona unvermittelt die Lebensgeister zurückmelden. Momente wie diesen hat „Adagio – Erbarmungslose Stadt“ einige zu bieten. Aber erst im Showdown, wo der Plot ein erwartbares Ende findet, spitzt Sollima die Jagd nach Manuel konsequent zu.

 

Christopher Diekhaus