Afrika – Das magische Königreich

Atemberaubende Bilder, überwältigende Naturschauspiele, die Vielfalt von Flora und Fauna. All das bietet die BBC-Dokumentation "Afrika – Das magische Königreich", die dank 3D-Technik und noch größerem Aufwand die Überwältigungsschraube des Naturfilms noch einmal weiterdreht. Dabei allerdings auch ein Weltbild transportiert, das den afrikanischen Kontinent zum bloßen Naturschauspiel reduziert.

Webseite: www.constantin-film.de

GB 2014 – Dokumentation
Regie: Patrick Morris, Neil Nightingale
Länge: 87 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 5. März 2015
 

FILMKRITIK:

Schon der Titel "Afrika – Das magische Königreich" deutet es an: Die von Patrick Morris und Neil Nightingale produzierte und inszenierte BBC-Dokumentation verschreibt sich ganz der reduzierenden Sichtweise mit der der afrikanische Kontinent seit Jahrzehnten betrachtet wird. Ein kurzer Prolog, der in London spielende Kinder zeigt, die in Wasserfontänen toben, etabliert den losen roten Faden, der den Weg des Wassers verfolgt, dem lebensspendenden Element, dass in Afrika oft rar ist. In loser Folge sieht man nun Szenen aus verschiedenen Regionen Afrikas: Dem undurchdringlichen Dschungel, den Weiten der Wüste, vielfältigen Riffs vor einer Küste, den Weiten der Steppe. Diverse Tiere tauchen auf, mächtige Elefanten, wilde Krokodile, bunte Fischschwärme, Berggorillas, Flamingos und Schlangen. Eine allwissende Erzählerstimme – in der deutschen Version gesprochen von Christian Brückner – vermittelt sporadische Informationen, die allerdings selten über das hinausgehen, was man ohnehin sieht.

Ganz ohne Frage ist das atemberaubend gefilmt, mit modernster Digitaltechnik eingefangen, durch die 3D-Technik so plastisch, wie man es sonst nur in Natura erleben kann. So brillant die Naturfilme der BBC seit jeher waren: was die Regisseure und diverse Kameramänner hier mit allen Mitteln der Technik an Bildern eingefangen haben ist noch einmal eine Steigerung. Dass diesen Bildern durch eine bombastische Musik noch zusätzliches Pathos aufgedrückt wird, ist eine Methode, die im zeitgenössischen Naturfilm wohl unvermeidlich ist, die auch nicht weiter stören würde, wenn das Weltbild dieses Films nicht so problematisch wäre.

Allein das fortwährend ausschließlich von "Afrika" die Rede ist, als würde es sich bei diesem aus 54 Staaten bestehenden Kontinent um ein uniformes Gebilde handeln, mutet befremdlich an. Doch es geht hier eben nicht um die oft atemberaubenden Naturlandschaften der einzelnen afrikanischen Länder, sondern um ein mystisches "Magisches Königreich", das so natürlich nur in der Imagination des Westens existiert. Würde man diesen Film für bare Münze nehmen, dann wäre Afrika ein ursprünglicher, ungezähmter Kontinent, in dem sich die Natur frei entfalten kann und in dem vor allem keine Spur von menschlicher Zivilisation existiert. Diese zu zeigen ist zwar nicht die wichtigste Aufgabe einer Naturdokumentation, doch wenn sich ein Film gleich eines ganzen Kontinents annimmt, mutet es doch mehr als befremdlich an, dass kein einziger Mensch zu sehen ist, keine Straße, kein einziges Anzeichen von Zivilisation.

Könnte man sich vorstellen, dass Filmemacher einen Film namens "Südamerika" oder "Asien" drehen, dabei die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern ignorieren und bewusst nur solche Orte filmen, die komplett menschenleer sind? Wohl kaum, aber in Bezug auf Afrika scheint dieser Ansatz tragbar, ist der Mythos der unberührten Natur dieses so vielfältigen Kontinents so groß, dass es für ernst zu nehmende Dokumentarfilmer der BBC akzeptabel erscheint, eine Welt zu zeigen, die so nur in der Phantasie existiert. So brillant die Bilder sind, die in "Afrika – Das magische Königreich" zu sehen sind, so befremdlich ist die Ideologie, der sich die Regisseure verschrieben haben.
 
Michael Meyns