Agnes

Ebenso rätselhaft wie seine Heldin ist der erfolgreiche Roman von Peter Stamm und jetzt auch der Film von Johannes Schmid: eine komplexe, moderne Liebesgeschichte zwischen Realität und Fiktion. Toll gespielt von Odine Johne und Stephan Kampwirth und in traumschöne Bilder gesetzt von Michael Bertl, zeigt Johannes Schmid eine komplizierte Beziehung zwischen zwei komplizierten Menschen auf der Suche nach Harmonie – ein intellektuelles Kinovergnügen!

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland 2016
Regie: Johannes Schmid
Drehbuch: Johannes Schmid, Nora Lämmermann (nach dem gleichnamigen Roman von Peter Stamm)
Darsteller: Odine Johne, Stephan Kampwirth, Sonja Baum, Walter Hess, Berit Karla Menze, Oliver Bürgin, Maximilian Scheidt
105 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 2. Juni 2016

Preise/Auszeichnungen:

37. Filmfestival Max Ophüls Preis 2016, Preis für die beste Nachwuchsdarstellerin (Odine Johne)

FILMKRITIK:

Peter Stamm hatte eine ziemlich coole Romanidee: Wie wäre es, wenn die Helden einer Liebesgeschichte zu Autoren werden, die ihre eigene Geschichte weitererzählen? Aus dieser Vorgabe entwickelte er eine verzwickte Handlung, bei der sich Wirklichkeit, gefühlte Wahrheit und Wunschvorstellungen oft nicht auseinanderhalten lassen. Der Film von Johannes Schmid hat diesen Plot übernommen. Er spielt allerdings im Gegensatz zum Roman nicht in den USA, sondern in einer nicht genannten deutschen Großstadt. Doch die distanzierte Kühle der Handlung ist ebenso geblieben wie die vielfältigen Aspekte dieser bemerkenswerten Liebesbeziehung.
 
Walter ist ein Sachbuchautor, der in einer Bibliothek recherchiert und dabei auf Agnes trifft. Er verliebt sich auf den ersten Blick in die hochbegabte Physikstudentin, deren scharfer Intellekt ihn ebenso fasziniert wie ihre selbstverständliche sexuelle Begierde. Hinter der mädchenhaften Fassade verbirgt sich eine hoch komplizierte Persönlichkeit, ein Mensch auf der Suche nicht nur nach Liebe, sondern nach Perfektion, privat wie beruflich. Auch Agnes fühlt sich von dem älteren Mann stark angezogen. Er fordert sie heraus, doch das beruht auf Gegenseitigkeit – eine Beziehung auf Augenhöhe, eigentlich der Traum aller jungen Verliebten. Der gemeinsame Beschluss, ihre Liebesgeschichte aufzuschreiben, ist zunächst eine Art Spiel zwischen den Liebenden, sie amüsieren sich über die unterschiedliche Sichtweise der Wirklichkeit, doch bald verändert die geschriebene Realität die echte Beziehung und zerstört sie schließlich.
 
Natürlich geht es hier nicht nur um die Liebe in den Zeiten der Sinnsuche, sondern ebenso ums Schreiben in all seinen Facetten. Dazu gehören die persönlichen Erinnerungen ebenso wie die unterschiedlichen Blickwinkel in der Rückschau und letztlich auch das Erfinden von Geschichten. So wie Peter Stamm literarisch mit den kleinen und großen Versatzstücken seines Schriftstellerlebens spielt, hat das immer etwas leicht Ironisches. Im Film von Johannes Schmid mündet die feine Ironie in eine beinahe dämonische, intensive Bildsprache, die in kühler Klarheit die Handlung immer wieder in Frage stellt. Am Anfang schreitet eine fast nackte Agnes in die dunkle Schneenacht und in den vorhersehbaren Tod. Das Ende ist der Anfang, und wie im Buch ist alles unklar: Bringt Agnes sich tatsächlich um, oder entfernt sie sich nur aus der gemeinsamen Geschichte? Und das sind lediglich zwei von vielen offenen Fragen, die den Film aus der Masse der durchschnittlichen Kinogedankenwelten herausheben.
 
Mit nymphenhaft unschuldigem Charme verkörpert Odine Johne die Agnes – eine moderne, junge Frau, die ganz und gar unromantisch, dabei aber so geheimnisvoll wirkt, dass Walter vielleicht auch deshalb beschließt, die gemeinsame Liebesgeschichte aufzuschreiben und nach und nach ein bisschen aufzupeppen. Stephan Kampwirth spielt mit unaufdringlicher, gelassener Virilität einen verkappten Romantiker, der eher altmodisch wirkt und staunend, vielleicht sogar bewundernd beobachtet, wie kühl und leicht Agnes die Physik ebenso wie die psychischen Herausforderungen des Lebens zu bewältigen scheint. Dass dieser Schein trügt, erfahren beide schmerzhaft, als Agnes das gemeinsame Kind verliert. Um die Beziehung zu retten, schreibt Walter die Geschichte weiter, und tatsächlich finden die Liebenden wieder zueinander. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn letztlich ist die Wirklichkeit nicht geeignet, ihre jeweiligen Vorstellungen vom gemeinsamen Leben zu erfüllen, und so entwickelt die Geschichte, die Walter aufschreibt, eine immer stärkere Eigendynamik. „Glück macht keine guten Geschichten“, sagt Walter, der selbstverständlich weiß, dass Krisen und Katastrophen die einzig akzeptable Nahrung für Schriftsteller sind. Die große Liebe und mit ihr Agnes verliert für ihn sukzessive an Bedeutung, und Agnes selbst scheint ebenfalls immer weniger Lust zu haben, sich mit der gemeinsamen Geschichte auseinanderzusetzen.
 
Ein offenes Ende, normalerweise im Film wie auch in der Literatur eher verpönt, wird oft als faule Ausrede dafür gesehen, dass ein Autor sich nicht entscheiden mag. Hier – im Buch wie im Film – ist es anders: Die Geschichte wird durch die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten bereichert, sie wächst immer mehr und wird schließlich zur symbolträchtigen, komplexen Auseinandersetzung mit modernen Beziehungsgeflechten. Und das ist eine wirklich spannende Erfahrung, die – verbunden mit den herausragenden schauspielerischen Leistungen – den Film zum feinsinnigen, geistvollen Kinoerlebnis machen.
 
Gaby Sikorski