Agnieszka

"Agnieszka" des polnischen Regisseurs Tomasz Emil Rudzik ist ein kleines, feines Sozial-Drama über den Neuanfang einer polnischen Immigrantin in Deutschland. In München gerät die 30-jährige Agnieszka kurz nach ihrer Ankunft an eine herrische alte Diva, die ihr einen nicht ganz gewöhnlichen Job in Aussicht stellt: als Domina in ihrem Escort-Service zu arbeiten. Doch die alte Herrin erweist sich bald als dämonische, besitzergreifende Frau, die keine anderen neben sich duldet. Neben der exzellenten Darsteller-Leistungen besticht der Film vor allem durch seinen Verzicht auf plakative Gewalt- und Sex-Darstellungen und die angenehm zurückhaltende, ruhige Inszenierung.

Webseite: www.alpha-medienkontor.de

Deutschland 2014
Regie und Buch: Tomasz Emil Rudzik
Darsteller: Karolina Gorczyca, Hildegard Schmahl, Lorenzo Nedis
Länge: 93 Minuten
Verleih: Alpha Medienkontor
Kinostart: 28. Mai 2015

FILMKRITIK:

Nach einer fünfjährigen Haftstrafe frisch aus dem Gefängnis entlassen, entschließt sich Agnieszka (Karolina Gorczyca), ihr Heimatland Polen in Richtung Deutschland zu verlassen. Sie reist nach München, wo sie sich ein neues, besseres Leben aufbauen will. Ohne Geld, Bleibe und Kontakte in der Metropole angekommen, trifft sie kurz nach ihrer Ankunft auf die ehemalige Ballett-Diva Madame, die ihr bald das verlockende Angebot macht, in ihrem Escort-Service als Domina zu arbeiten. Schon nach wenigen Wochen ist Agnieszka das beste Pferd im Stall der alten Dame und die Geldsorgen von früher gehören der Vergangenheit an. Dann lernt die junge Frau den sensiblen 16-jähringen Manuel kennen, der sich Hals über Kopf in die Immigrantin verliebt. Agnieszka verbringt immer mehr Zeit mit dem Jugendlichen, der sie auch bald zu ihren Escort-Terminen fährt – sehr zum Leidwesen von Madame, die das Verhältnis der Beiden gar nicht gern sieht. Sie fordert von Agnieszka Loyalität ein und drängt sie, Manuel fallen zu lassen.

Das in trübe Bilder gegossene Sozial-Drama "Agnieszka" stammt von dem polnischen Regisseur und Drehbuchautor Tomasz Emil Rudzik, der mit seinem ersten Film seit 2008 im letzten Jahr auf dem Warschauer Filmfestival gastierte. Auch auf der Berlinale in diesem Jahr war "Agnieszka" zu sehen, zudem erhielt Rudzik den Bayerischen Filmpreis für Nachwuchs-Regie. In der Hauptrolle als innerlich zerrissene aber äußerlich unnahbare Immigrantin, die ohne Geld in der Tasche und ohne Kontakte in der neuen Heimat, einen Neuanfang wagt, überzeugt die polnische Darstellerin Karolina Gorczyca.

"Agnieszka" ist ein kleines, starkes Drama mit überzeugenden schauspielerischen Darbietungen, das ohne ausschweifende Dialoge und viele Wort auskommt. Getreu diesem Motto verfährt auch Hauptdarstellerin Gorczyca als introvertierte, schwer zu durchschauende junge Frau, die in München neu anfangen will. Sie ist kein Freund großer Worte, vieles lässt sich an ihrer ausdrucksstarken Gestik und Mimik ablesen, zur Kommunikation bedient sie sich viel häufiger deutlicher Körpersprache. Sie ist eine expressive, charismatische junge Dame, das merkt auch die resolute und herrisch auftretende ehemalige Ballett-Diva Madame (großartig teuflisch: Hildegard Schmahl) , die in Agnieszka schnell ein neues, potentiell bestes Pferd im Stall für ihre ganz spezielle Dienstleistung erkennt.

Dabei macht Regisseur Rudzik in kurzen Einstellungen und knappen, aber eindeutig erotisierenden Anspielungen (vor allem durch Blicke) immer wieder deutlich, dass auch Madame sich durchaus zu der hübschen Polin hingezogen fühlt. Dass sie in Agnieszka in jedem Fall ein Ebenbild von sich selbst in jungen Jahren sieht, daraus macht die alte, dämonische Dame jedenfalls keinen Hehl. In der Rolle des schon sehr früh um die Gunst Agnieszka buhlenden, sympathischen Manuel ist Lorenzo Nedis zu sehen, der in einer mitreißenden Szene im Stadtbus beweist, wie sehr ihm daran liegt, das Mädchen kennenzulernen.

Regisseur Rudzik nähert sich mit seinem Film einem Thema, dass aktuell nicht zuletzt wegen dem Filmerfolg von "Fifty Shades of Grey" in aller Munde ist, es geht um sexuelle Befriedigung durch Unterwerfung und Rollenspiele, durch feminine Demütigung und Unterdrückung. Anders als in diesem Film benötigt Rudzik aber keine offensichtlichen und allzu platt geratenen, freizügigen Gewalt- und Sex-Szenen, weshalb der Film auch ohne reißerischen Voyeurismus auskommt, was ihm sehr gut bekommt. Die wenigen "deutlichen" Momente, die Agnieszka bei der Ausübung ihrer neuen Tätigkeit zeigen, sind wohl dosiert und zeigen nur das Nötigste. Ein angenehm zurückhaltend inszenierter Film, der nur selten von ohnehin diskret eingesetzter Musik untermalt wird.

Björn Schneider