Albert Nobbs

1982 spielte Glen Close den Butler Albert Nobbs, der in Wirklichkeit eine Frau ist, schon auf einer New Yorker Bühne. Drei Jahrzehnte lang arbeitete sie daran, den Stoff für die Leinwand zu adaptieren. Im Januar 2012 lief der fertige Film bereits in den USA und brachte Glenn Close eine Oscar-Nominierung ein. Schön, dass die Edition Salzgeber den Film nun mit Verspätung auch in die deutschen Kinos bringt. (Schade nur, dass der Verleih ihm dort nur vier Wochen Zeit gönnt, bevor er dann schon die DVD auf den Markt wirft.)

Webseite: www.salzgeber.de

Großbritannien/Irland 2011
Regie: Rodrigo García
Buch: Gabriella Prekop, John Banville, Glenn Close, István Szábo
Darsteller: Glenn Close, Mia Wasikowska, Aaron Taylor-Johnson, Brendan Gleeson, Janet McTeer, Jonathan Rhys-Meyers
Länge: 109 Minuten
Kinostart: 26. September 2013
Verleih: Salzgeber

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dublin im 19. Jahrhundert: Im Hotel von Mrs. Baker verkehren die Reichen und Schönen und frönen ihrem ausschweifenden Lebenswandel. Die Geister um sie herum, die für den nötigen Luxus und Komfort sorgen, nehmen sie kaum wahr. Zu ihnen gehört auch der kleine Butler Albert Nobbs (Glenn Close), der seine Arbeit mit stiller Hingabe und Perfektion erledigt. Dass ihn niemand für längere Zeit in Augenschein nimmt, ist Albert ganz recht – denn in Wirklichkeit ist er eine Frau. Seit 30 Jahren schon führt er dieses Leben, dass ihn vor dem Armenhaus bewahrt hat. Inzwischen ist er völlig mit seiner neuen Identität verschmolzen. In all dieser Zeit hat er die kleinen Trinkgelder, die ihm zugesteckt werden, gespart. Albert plant, bald einen Laden zu kaufen und einen Tabakshop zu eröffnen. Aber als ein Anstreicher (Janet McTeer) in seinem Zimmer einquartiert wird und Alberts wahre Identität entdeckt, fürchtet der um seine Zukunft. Allerdings entpuppt sich auch dieser Hubert Page als Frau.

Das späte 19. Jahrhundert ist eine Fundgrube für Historien-Dramen. Die Moderne klopft schon an, aber noch sind die gesellschaftlichen Klassen strikt getrennt in die, die herrschen, und die anderen, die beherrscht werden. Besonders gut beobachten lassen sich diese sozialen Gegensätze im Verhältnis zwischen Herrschaft und Dienerschaft. In diesem Zusammenhang ist besonders die Figur des Butlers interessant, der durch völlige Aufgabe seiner Persönlichkeit und eigener Bedürfnisse zu funktionieren hat. Ein gutes Beispiel hierfür ist „Was vom Tage übrig blieb“, eines der bleibenden Meisterwerke der Filmgeschichte. Sicher reicht „Albert Nobbs“ nicht ganz an diesen Film heran. Aber er teilt mit ihm einen emotionalen Reichtum, der sichtbar wird gerade in seiner versuchten Unterdrückung durch die Konventionen der Zeit – und eine zentrale Schauspielleistung, die eben jene Gefühle wie durch einen Panzer hindurch sichtbar macht.

Dominierte Anthony Hopkins „Was vom Tage übrig blieb“, ist es hier Glenn Close, die die Bühne ganz einnimmt. Frappierend, wie schnell man vergisst, hier einer bekannten Schauspielerin zuzusehen. Sie verschwindet vollends in ihrer Rolle. Und kommt dabei ohne schwere Make-Up-Effekte aus. Ihr nuanciertes Spiel allein macht die Illusion perfekt. So perfekt, dass Albert, als er in einer Sequenz wieder Frauenkleider trägt, wirkt wie ein Mann im Reifrock. Glenn Close macht aus ihm eine Figur aus Fleisch und Blut, einen Menschen, der durch persönliches Schicksal und die ihn prägende Gesellschaft zwar emotional verkrüppelt, dabei aber seine Menschlichkeit nicht verliert. Albert Nobbs will ein kleines Stück vom Glück und glaubt mit aller Naivität seines Herzens daran. Das macht diese einfache Geschichte und diesen so einfach, aber effektiv inszenierten Film so bewegend.

Oliver Kaever