All is lost

Ein Mann, ein Boot – mehr braucht es nicht für ein absolut packendes Drama. Vorausgesetzt, ein cleverer Regisseur reizt raffiniert die dramaturgischen Möglichkeiten eines Ein-Personen-Stücks aus. Und den verzweifelten Helden gibt ein Charismatiker wie Robert Redford. Die Schauspiel-Legende zieht, ganz ohne Dialoge, alle Register und schont auch die alten Knochen nicht. Wie der 76-Jährige behände auf den schwankenden Mast klettert oder in die tobende See geschleudert wird, könnte manchen Stuntman neidisch machen – und den Oscar höchst wahrscheinlich! Der alte Mann und das Meer bietet wasserdichte Hochspannung der hochkarätigen Art.

Webseite: www.all-is-lost.de

USA 2013
Regie: J.C. Chandor
Darsteller: Robert Redford
Filmlänge: 92 Minuten
Verleih: Square One / Universum
Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 9.1.2014
Verleih-Infos hier…

PRESSESTIMMEN:

"Eine mitreißende Tour de Force… Eine Metapher auf das Leben an sich. Ein mutiger, ein faszinierender Film. Überwältigend gut."
ZDF Heute Journal

"Mit 77 Jahren spielt Hollywood-Legende Robert Redford die Rolle seines Lebens. Ein Meisterwerk."
Der Spiegel

"Mit 77 Jahren holt Robert Redford noch einmal alles aus sich heraus. Als einsamer Segler in "All is Lost" zeigt er eine bewegende Performance, die keine Worte braucht."
Zeit Online

FILMKRITIK:

Seinen Segelausflug hatte sich der namenlose Held sicher etwas erholsamer vorgestellt. Während eines gemütlichen Schläfchens rammt unvermittelt ein herrenlos treibender Container die Yacht. Mit reichlich Mühe, etwas Einfallsreichtum und viel Geschick kann der Skipper das Leck notdürftig flicken. Die Kabine wird jedoch knietief geflutet, die gesamte Elektronik, vom Funk über den Motor bis zur Navigation, ist verloren, alle Reparaturversuche scheitern. Zu allem Übel ziehen am Horizont bedrohlich düstere Gewitterwolken auf. Fortan heißt es: Murphys Law ahoi – alles was schiefgehen kann, geht auch schief.

Der heftige Sturm peitscht die manövrierunfähige „Virgina Jean“ wie eine Nussschale durch die hohen Wellen. Das Boot kentert, aber dreht sich schließlich wieder um. Der Kapitän wird über Bord geschleudert, kann dank Sicherungsseil mit letzter Kraft zurück aufs Schiff. Mit dem erneut aufgerissenen Leck sowie gebrochenem Mast ist die Lage hoffnungslos. Der erfahrene Seemann gibt jedoch nicht auf. Er macht seine aufblasbare Rettungsinsel klar, mit den letzten Vorräten, einer Karte sowie einem Sextanten verlässt er das sinkende Schiff. Die altmodische Navigation per Hand und Sternen muss zwar erst per Lehrbuch noch geübt werden, auch die Wassergewinnung bedarf physikalischer Tricks. Wie immer fällt diesem findigen Helden ein cleverer Ausweg ein – doch mit jeder Lösung scheinen zwei neue Probleme zu entstehen. Seine ganze Hoffnung setzt der Skipper darauf, dass ihn die Strömung in Richtung einer nahegelegenen Schifffahrtsroute treibt. Nach tagelangem Überlebenskampf scheint das Ziel endlich erreicht. In weiter Ferne erscheint ein Containerschiff. Tatsächlich kommt der Ozeanriese immer näher, fast zum Greifen ist er nah. Doch wie das Sprichwort schon sagt: „Vor Gericht und auf hoher See bist du in Gottes Hand!“

Auf den ersten Blick mag das Schiffbrüchigen-Drama an „Life of Pi“, nur ohne Tiger und Magie, erinnern. Tatsächlich handelt es sich mehr um einen Survival-Thriller im Stil von „127 Hours“ von Danny Boyle. Wie James Franco in der Felsspalte gibt auch Redford auf See jenen souveränen Helden in größter Not, der absolut alles richtig macht. Und der dennoch, fern jeder Zivilisation, dem Schicksal ausweglos ausgeliefert scheint. Solche Figuren sind allemal ideale Protagonisten für existentialistische Abenteuer. Mit diesen Typen fiebert man gerne mit. Freut sich über ihre findigen Lösungen. Und verzweifelt ebenso, wenn der perfekte Plan letztlich doch wieder einmal scheitert.

Wie auf kleinstem Raum größte Spannung entsteht, hat Boyle bravourös bewiesen. Ähnlich überzeugend inszeniert J.C. Chandors („Margin Call“) nun sein Ein-Personen-Kammerspiel. Er dreht die dramaturgische Schraube sogar weiter, und verzichtet (abgesehen von einer kurzen Einleitung) auf Dialoge. Lediglich drei Worte nur, „God, „Fuck“ und „Help“, darf der Verzweifelte sagen. Alles anderen Emotionen, jede Hoffnung und Enttäuschung, muss Redford mit Mimik und Körpersprache vermitteln. Das gelingt der Leinwand-Legende mit atemberaubender Präzision. Da gibt es kein Getue, keinen falschen Blick. Ein halbes Jahrhundert Schauspiel-Erfahrung auf dem Buckel, zieht Redford alle Register und bietet eine seiner besten Leistungen. Auch körperlich bringt er vollen Einsatz. Wie der 76-Jährige behände auf den schwankenden Mast klettert oder in die tobende See geschleudert wird, könnte manchen Stuntman neidisch machen. Die alten Knochen werden, bei aller Tricktechnik, nicht geschont. Wobei die digitalen Effekte freilich famos ausfallen. So realistisch und mittendrin war man selten im Kinosessel auf hoher See dabei.

In Cannes avancierte dieses Werk mit Klassiker-Qualitäten zum ganz großen Festivalliebling, ging dort jedoch außer Konkurrenz an den Start. Bei den Oscars dürfte derweil ganz klar Kurs auf diverse Siegertreppchen genommen werden. Beim Publikum wird es gleichfalls kaum Schiffbruch geben – ganz im Gegenteil.

Dieter Oßwald