All My Loving

2014 erntete der Regisseur und Autor Edward Berger mit dem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Jack“ zu Recht viele Lorbeeren. Es folgten Beiträge für die Qualitätsserien „Deutschland 83“, „The Terror“ und „Patrick Melrose“, aktuell läuft die Vorproduktion zum Hollywoodfilm „Rio“. Davor hat Berger noch das deutsche Familiendrama „All My Loving“ gedreht, das im Panorama der 69. Berlinale zu sehen war. Darin spielen Lars Eidinger („Was bleibt“), Nele Mueller-Stöfen („Familienfest“) und Hans Löw („In My Room“) drei voneinander entfremdete Geschwister, die jeweils in einer verfahrenen Lebenssituation stecken. Berger inszeniert den Episodenfilm ohne forcierte Zuspitzungen, erzeugt aber dennoch eine intensive Wirkung.

Webseite: www.allmyloving-film.de

Deutschland 2019
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen
Darsteller/innen: Lars Eidinger, Nele Mueller-Stöfen, Hans Löw, Godehard Giese, Mathilda Berger, Christine Schorn, Manfred Zapatka, Valerie Koch
Laufzeit: 116 Min.
Verleih: Port au Prince Pictures
Kinostart: 23. Mai 2019

FILMKRITIK:

Weil sein Gehör nachlässt, verliert Stefan (Lars Eidinger) seinen identitätsstiftenden Job als Pilot. Statt das wahrzuhaben, hängt der Playboy weiter an seinem alten Leben und streift in einer Pilotenuniform durch Berliner Bars, um Frauen kennenzulernen, während die Beziehung zu seiner getrennt lebenden Tochter Vicky (Matilda Berger) brach liegt.
 
Stefans Schwester Julia (Nele Mueller-Stöfen) und ihr Mann Christian (Godehard Giese) leiden derweil am drei Jahre zurück liegenden Tod ihres Sohns. Ein Italienurlaub soll Entspannung bringen, doch als Julia ihre komplette Aufmerksamkeit einem verletzten Straßenhund zukommen lässt, stößt das Christian vor den Kopf.
 
Tobias (Hans Löw), der jüngere Bruder von Stefan und Julia, schreibt derweil noch mit Ende 30 an seiner Diplomarbeit und schmeißt den Haushalt mit drei kleinen Kindern, während seine Frau Maren (Franziska Hartmann) die Finanzen stemmt. Da er von allen Geschwistern vermeintlich am meisten Zeit hat, soll er sich um die pflegebedürftigen, ziemlich widerspenstigen Eltern (Manfred Zapatka, Christine Schorn) kümmern.
 
Das Drehbuch von Edward Berger und der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen stellt einen prägnanten Prolog an den Anfang, der die Geschwister bei einem Restaurantbesuch vorstellt. Darauf folgen drei voneinander getrennte Episoden, die einen Blick in die jeweils schwierigen Leben der Figuren werfen. Die Einheitlichkeit entsteht durch die unaufgeregte und punktgenaue Inszenierung und die Tatsache, dass alle Geschwister voller Zweifel stecken, die sie nach außen hin verbergen. Das wiederum erschwert es ihnen, notwendige Lebensveränderungen vorzunehmen. Sie alle sind nämlich an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr einfach so weiter gehen kann.
 
Die sorgfältig arrangierten Aufnahmen des Kameramanns Jens Harant und der strikte erzählerische Aufbau schaffen zwar eine gewisse Distanz zu den Charakteren, zugleich wirken die Porträts mit ihrer Nähe zum Alltäglichen aber authentisch. Bei allem Verdruss der Figuren gibt es auch Momente zarter Komik. Allein der holprig an die drei Charakterbilder anschließende Epilog hätte nicht unbedingt sein müssen. Davon abgesehen unterstreicht Edward Berger sein schon in „Jack“ gezeigtes Talent für die Darstellung zwischenmenschlicher Nöte und sein Händchen für die passende Besetzung – und weckt die Neugier auf seinen nächsten Film.
 
Christian Horn