Alles wird gut

Durch das Überangebot an Castingshows schießen "Stars" wie Pilze aus dem Boden. Längst ist das maßregelnde und demütigende System dieser "Talentschauen" ein Thema für Film und Bühne. In "Alles wird gut" proben 14 Schauspieler ein Theaterstück, das die Bewerbung für eine Castingshow zum Thema hat. Der Perfektionsdrang der Castingshows wird hier mehrfach attackiert, da zehn der Darsteller und der Regisseur selbst körperlich behindert sind. Eine erschreckende und befreiende Abhandlung über Würde und Selbstbehauptung in einer medialisierten Welt.

Webseite: www.alleswirdgut-derfilm.de

Deutschland 2012
Regie und Buch: Niko von Glasow
Darsteller: Christina Zajber, Nico Randel, Manon Wetzsel, Jan Dziobek, Jana Zöll, Bettina Muckenhaupt, Annika Reinicke, Leslie Ann Mader, Mirco Monshausen
Verleih: NFP Marketing & distribution GmbH
Länge: 96 Min.
Kinostart: 1. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das Theaterstück "Alles wird gut" hatte im letzten Frühjahr Premiere. Es war eine Auftragsarbeit für das Kölner "Sommerblut-Festival". Niko von Glasow, der selbst Contergan-geschädigt ist, sollte "möglichst viele Behinderte" auf die Bühne bringen. Er entschied sich für ein Improvisationstheater, dessen Proben er wiederum filmen ließ. Eine grobe Handlung gab er vor: Kurz nach ihrer "Registrierung" werden die Bewerber in ein Zimmer verfrachtet und dort vergessen. In dem Raum hadern sie mit sich und den anderen.

Gut läuft hier natürlich gar nichts. Nicht alle Darsteller haben eine Schauspielausbildung, mit deren Hilfe sie eine Schutzhaut und Distanz aufbauen können. Ihr Regisseur treibt sie nach dem Schauspielprinzip "Da wo die Angst ist, da geht’s lang" an ihre Grenzen, lässt sie hadern und zweifeln, ihre Schwächen und Ängste entblößen und ihre stärksten Konflikte durchleben. Er gibt nicht nur selbstherrliche Anweisungen wie "Wenn das hier vorbei ist, kommst du gestärkt hier heraus", "Ich würde gerne, dass Du ihren Busen filmst" oder "Ehe ihr euch an einen Laternenpfahl hängt, sagt Bescheid". Er setzt sogar einen nichtbehinderten Schauspieler in einen Rollstuhl. Tränen fließen. Die Szenen arten in Gruppentherapie und Familienaufstellungen aus.

Wenngleich klar ist, dass derartige Vorgehensweisen bei Theaterproben nicht unüblich sind, ist dieser Prozess oft schwer erträglich. Die nicht behinderten Darsteller nehmen die Schikanen fast selbstverständlich hin. "Meine Behinderung ist meine Konfliktunfähigkeit", sagt die blonde Schauspielerin Annika. Folglich wird sie als zickige Casting-Assistentin besetzt, die die Bewerber nach ihrem "Schicksalsschlag" befragt. Der von Selbstzweifeln gemarterte Mirko muss einen Putzmann geben.

Die behinderten Darsteller hingegen wehren sich gegen die Allmacht und Willkür des Regisseurs. Christina, eine an Muskelschwund leidende Juristin, fragt gerade heraus: "Was willst du von uns? Was wird das hier eigentlich?". "Du bringst mich dazu, meine Leute zu verraten", beschwert sich die blinde Leslie, die später ihre wunderschöne Stimme offenbart. Der an Down-Syndrom leidende Nico kritisiert unverblümt: "Als Regisseur würde ich mehr Phantasie haben und mich weniger einmischen."

Es ist Niko von Glasows erste Theaterregie. Für seine Dokumentation "NoBody’s perfect" erhielt er mehrfache Auszeichnungen. Seine Aktfotos von Contergan-Geschädigten wurden in der Londoner National Portrait Gallery ausgestellt. Zu seinen Kinoproduktionen gehören "Maries Lied" und "Edelweißpiraten". "Alles wird gut" erzwingt zwiespältige Reaktionen. Glücklicherweise stellt sich Niko von Glasow selbst in Frage und lässt sich als Zampano an die Wand fahren. Er bringt die gefilmten Theaterzuschauer wie auch das Kinopublikum zum Lachen.

Dorothee Tackmann

Das ist Niko von Glasows zweiter Film. Wieder geht es vorwiegend um Behinderte, denn von Glasow ist ja selbst Contergan-geschädigt, wie man weiß.

Er hat dazu das Drehbuch geschrieben und erzählt, wie er Schauspieler für ein Theaterstück rekrutiert, castet, wie man heute neudeutsch sagt. 14 Menschen werden ausgesucht: Rollstuhlfahrer, neurotisch Belastete, einige mit dem Down Syndrom, eine blinde Sängerin, eine Frau mit Contergan-Armen, ein paar Nichtbehinderte auch.

Es geht nicht in erster Linie um den erzählerischen Inhalt oder die dramatische Handlung eines Theaterstücks, sondern um ungelenke Versuche, sich in eine Rolle hineinzufinden; um persönliche Schwächen; um Ängste; um die Äußerung der Sehnsüchte der Behinderten; um den Ausdruck des Willens einiger, nicht falsch eingeordnet zu werden; um die Notwendigkeit, dem für das Stück ausgesuchten Partner gerecht zu werden.

Dass die beteiligten Nichtbehinderten sich normaler und „gesünder“ aufführen würden, ist ein Trugschluss.

Manchmal kommt ein wenig Komik auf.

Der Wunsch der meisten, die mit einer Beschränkung leben müssen: beachtet zu werden, gleichgestellt zu werden, die Liebe, also einen Lebenspartner zu finden.

Am Schluss des Films, der halb dokumentarischen, halb rein inszenatorischen Charakter hat, steht so etwas wie eine sehr gut aufgenommene Aufführung. Also nicht „Alles wird gut“, sondern „Alles ist gut“.

Die Botschaft des Films ist klar: Man sollte sich öfter mal darüber klar werden, unter welchen erschwerten Bedingungen Menschen mit einem Gebrechen existieren müssen. Und entsprechende Zuwendung zeigen oder wenigstens Rücksicht nehmen.

Auf jeden Fall ein sehr menschlicher und zu großen Teilen auch wahrhaftiger Film.

Thomas Engel