Amador und Marcelas Rosen

Warum puzzelt er bloß von morgens bis abends?, fragt sich Marcela, die Pflegerin des alten Amador. Ganz einfach: Weil puzzeln wie das Leben ist, in dem viele Teile nicht zusammenpassen, aber doch ein Bild entsteht, wenn man geduldig daran arbeitet. Von dieser Haltung wird Marcela noch profitieren, auch wenn sie durch ein Tal der Schmerzen geht. Vom Schicksal einer bolivianischen Immigrantin, die sich in Madrid durchschlägt, erzählt nach "Princesas" und "Montags in der Sonne – Los Lunes al Sol" der spanische Regisseur Fernando León de Aranoa.

Webseite: www.amadorundmarcelasrosen.de

Originaltitel: Amador
Spanien 2010
Buch und Regie: Fernando León de Aranoa
Kamera: Ramiro Civita
Darsteller: Magaly Solier, Pietro Sibille, Celso Bugallo, Fanny de Castro
Länge: 110 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 7. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:

Bitter-zartes Drama, das einfühlsam, aber ungeschönt hart von der stillen Emanzipation einer Frau und den komplizierten Facetten ihres Daseins erzählt. Hinter der spröden Schale des Dramas verbirgt sich ein Film voller verschmitzter Lakonie und mystischer Poesie. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Marcela (Magaly Solier) müsste ständig der Schrecken ins Gesicht geschrieben stehen. Unerbittlich reiht sich in ihrem Leben Katastrophe an Katastrophe. Sie wird ungewollt schwanger, ihr Freund betrügt sie, und dann stirbt auch noch Amador (Celso Bugallo), der alte Mann, den sie pflegt. Damit geht ihre einzige Einnahmequelle verloren. Doch in Marcelas Gesicht spiegelt sich das allenfalls in Nuancen, als ob sie vom Leben nichts anderes zu erwarten hat als schlechte Nachrichten.

Fernando León de Aranoa beschäftigt sich in seinen Filmen mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. In „Montags in der Sonne“ waren dies Arbeitslose, in „Princesas“ Prostituierte. In „Amador und Marcelas Rosen“ richtet der Regisseur seinen Blick auf Immigranten, für die jeder Tag ein Überlebenskampf und eine Zukunftsperspektive nicht in Sicht ist. Die junge Bolivianerin Marcela und ihr Freund Nelson (Pietro Sibille) leben vom Blumenverkauf. Als ihr Kühlschrank kaputt geht, in dem sie die Blumen frisch halten, müssen sie dringend Geld auftreiben. Marcella ergattert einen Job als Pflegerin, und ihre Lage scheint sich zu entspannen, zumal sie in dem knorrigen Amador einen Seelenverwandten zu erkennen glaubt. Doch die Freundschaft währt nur kurz. Amador stirbt, und Marcela muss das verheimlichen. Sie braucht das Geld, das sie mit der Pflege verdient.

So befinden sich alsbald das Leben und der Tod im selben Raum. Marcela schleppt Blumen herbei, um den Geruch des Todes zu vertreiben, sie tut alles, um das Ableben des alten Mannes vor den Nachbarn zu verbergen, und sie denkt über die Botschaft nach, die ihr Amador mit seinem letzten Puzzleteil hinterlassen hat. Die bunten Sträuße sind das Schlüsselsymbol des Films. Mit Blumen feiert man das Leben und die Liebe, und mit Blumen betrauert man die Toten. Und wenn Düfte „die Gefühle der Blumen“ sind, wie es an einer Stelle heißt, dann versteht man auch, warum Nelson die Gefühle seiner Freundin Marcela nicht wahrnimmt.

Der Film ist auch ein Genre-Puzzle. Er startet als Sozialdrama, wandelt sich zum lyrischen Kunstfilm, nimmt Züge einer Komödie an und enthält Elemente eines religiösen Erlösungsdramas. Das mag befremdlich wirken, weil eine einheitliche Tonlage fehlt. Aber León de Aranoa will so wohl zum Ausdruck bringen, dass im Leben wie im Film nicht alles zusammenpasst, und Elend, Groteske und Schönheit unvermittelt nebeneinander stehen. Magaly Solier spielt Marcelas stille Verzweiflung mit sparsamen Gesten wirkungsvoll aus, wenngleich einige Wiederholungen ohne Zugewinn bleiben. Ganz stark ist Celso Bugallo als Amador. Nur wenige Tote wirken so lebendig wie er.

Volker Mazassek

Marcela lebt mit Nelson zusammen. Der ist Rosenhändler, aber ein illegaler. Blumen, die nicht gut riechen, besprengt er einfach mit künstlichem Duft. Da ein neuer Kühlschrank her muss – keineswegs fürs Essen, sondern für die Rosen – soll Marcela für das nötige Geld den alten kranken Amador, Vater von Yolanda, pflegen. Sie tut es.

Zuvor hatte sie bereits einen Brief verfasst, in dem sie Nelson wissen ließ, dass sie sich von ihm trennen werde. Doch dann erfährt sie, dass sie schwanger ist. Also bleibt sie.

Mit dem offenbar gescheiten Amador führt sie Gespräche über das Leben, über den Tod, über Dinge, die sich der alte Herr einbildet, darüber, dass man sein Leben selbst zusammensetzen muss wie ein Puzzle.

Amador stirbt. Marcela erschrickt zwar fürchterlich, denkt aber nicht daran, den Alten aufzugeben – und damit ihre Arbeit zu verlieren. Sie bringt jeweils frische Rosen und einen Ventilator, um den Geruch zu ertragen. Es fügt sich so, und Marcela weiß es auch: das Leben und der Tod sind nicht voneinander zu trennen.

Unterstützung erhält sie dabei von Puri, einer Prostituierten, die Amador jeden Donnerstag besuchte.

Dann kommt Yolanda zurück. Auch sie Versteht Marcelas Verhalten. Doch die Leben-Tod-Episode ist zu Ende. Marcela geht fort. Ohnehin musste sie zur Kenntnis nehmen, dass Nelson sie, die Schwangere, betrog.

Ein melancholischer Film, fast ein philosophischer. Das alte Thema Leben und Tod, das im Westen viel problematischer gesehen wird als in anderen Regionen der Welt, wird auf eine sensible Weise behandelt. Vielleicht ist es nicht jedermanns Sache, doch ein sehr menschlicher Film ist auf jeden Fall daraus geworden. Ruhig, einen Übergang markierend, das Bewusstsein fördernd.

Magaly Solier ist eine nachdenkliche, schwermütige, traurige Marcela; vielleicht wäre es gut gewesen, ab und zu ein wenig lebendiger zu wirken. Celso Bugallo spielt den weisen Amador, der sein Leben vollendet hat.

Thomas Engel