American Honey

Ausnahme-Regisseurin Andrea Arnold ist immer für eine Überraschung gut. Diesmal erzählt die Britin von einer jungen Amerikanerin, die ihr Glück sowie die ganz große Liebe in einer Drücker-Kolonne sucht. Das rigorose Porträt über Teenager in den USA verzichtet auf gängige Erzählformen und setzt auf Stimmung, Atmosphäre sowie wie Handkamera-Bilder der vibrierenden Art. Gus van Sant hätte gewiss sein Vergnügen an diesem impressionistischen Generationenporträt der intensiven Art. Fraglich, wie Trump-Anhänger reagieren, wenn man ihnen diesen „American Honey“ um den Mund schmiert: Der American Dream als Abzocker-Alptraum!

Webseite: upig.de

GB / USA 2016
Regie: Andrea Arnold
Darsteller: Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough, Chad Cox
Filmlänge: 162 Minuten
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH
Kinostart: 13.10.2016
 

Preise/Auszeichnungen:

Festival de Cannes: Preis der Jury

FILMKRITIK:

Sie gilt als das ganz große Regie-Talent von Großbritannien. Bereits mit ihrem Kurzfilm gewann Andrea Arnold den Oscar. Mit allen Spielfilmen war sie Stammgast der A-Festivals: Einmal in Venedig, dreimal Cannes. Dort gab es für ihr aktuelles Drama den Preis der Jury.
 
Gleich mit den ersten Bildern ist das Elendsszenario festgezurrt: Eine junge Frau stöbert mit einem kleinen Kind im Abfallcontainer nach Lebensmitteln. Danach versucht sie vergeblich als Anhalterin ihr Glück. Schließlich landet sie auf dem Parkplatz eines Supermarktes, wo ihr der charmante Jake ein verführerisches Angebot macht: Ein lukrativer Trip durch die USA mit einer lässigen Teenager-Truppe. Viel Geld. Viel Spaß. Viel Liebe. Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, bereits am nächsten Morgen geht die Reise los. Star, so der Name der Heldin, zögert nicht lange. Schon lange hat sie es satt, ständig auf ihre Geschwister aufzupassen und sich mit der verantwortungslosen Mutter samt deren derbem Freund herumzuschlagen. Die 18-Jährige kehrt diesem tristen Leben spontan den Rücken, mit großen Erwartungen erscheint sie am genannten Treffpunkt, einem Motel. Dort verstauen ein paar Jungs und Mädchen ihr Gepäck bereits in einem Van. Der coole Jake (Shia LaBeouf) taucht gleichfalls auf, sowie die distanzierte Krystal, die sich als fiese Chefin der Gruppe entpuppt (gespielt von Presley-Enkelin Riley Keough).
 
Schnell wird dem Neuling das Geschäftsmodell klargemacht: Je mehr Zeitschriften-Abos einer verkauft, desto größer die Provision. Wer die wenigsten Abschlüsse schafft, wird von der Drücker-Kolonne kollektiv mit einem gnadenlosen Ritual bestraft. Star plagen Skrupel bei solchen Methoden. Doch ihr Schwarm Jake zerstreut die Zweifel mit seinen Verführungskünsten – sehr zum Ärger der eifersüchtigen Krystal. Das Drama spitzt sich zu, als Star sich von drei vergnügungssüchtigen Cowboys in deren Villa einladen lässt. Die wollen den Teenager betrunken machen und versprechen dafür, 5 Jahres-Abos abzuschließen. Plötzlich jedoch taucht Jake auf und fuchtelt wütend mit seinem Revolver: „Badlands“ lässt grüßen.   
 
Wer eine klassische Road Movie-Love Story nach gängigem Erzählmuster erwartet, wird klar enttäuscht. Wer ein entwickeltes Figurenkabinett mit tiefgründigen Konflikten erwartet, sitzt gleichfalls im falschen Film. Umso mehr kommt auf seine cineastischen Kosten, wer sich gerne auf einen semidokumentarischen Trip in die Untiefen des amerikanischen Teenager-Lebens begibt, dessen virtuos virtuelles Konzept mit einer Wundertüte eindrucksvoller Bilder besticht. Der irische Kameramann Robbie Ryan hat bereits mit „Slow West“, „Philomena“ oder dem Cannes-Gewinner „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach sein außergewöhnliches Talent unter Beweis gestellt. Hier findet er mit der Handkamera vibrierende Bilder, die durch das ungewöhnlichen 4:3 Format zusätzliche Wirkung bekommen.  
 
Auf ein schlüssiges Psychogramm der Akteure wird bewusst verzichtet, dafür sprechen deren Gesichter Bänder. Als dramaturgischer Coup erweist sich dabei die Mischung aus Laien-Darstellern und Profis. Das schauspielerische Duell zwischen der Debütantin Sasha Lane und Hollywood-Star Shia LaBeouf wird zu einer Klasse für sich.
 
Wie üblich überzeugt Andrea Arnold durch die Unaufdringlichkeit ihrer Gesellschaftskritik. Wer will, kann diese profitorientierte Generation, der die Werte längst verloren gingen, als Metapher der Hedgefonds-Heuschrecken-Mentalität sehen: Der American Dream als Abzocker-Alptraum. Prinzip Hoffnungslosigkeit. Wer es lieber unpolitisch mag, kann sich auch nur auf die Suche nach den Tier-Motiven machen: Hunde, Vögel und Insekten treten hier noch häufiger auf als bei Terrence Malick.
 
Dieter Oßwald