Amour Fou

Eine Geschichte, die mit einem Doppelselbstmord endet, als romantische Komödie anzulegen, ist kein leichtes Unterfangen. Doch genau dies versucht und gelingt Jessica Hausner mit ihrem neuen Film „Amour Fou“, der lose auf Leben und Sterben von Heinrich von Kleist basiert, die historischen Fakten aber nur als Ausgangspunkt für einen Film über (Auto-) Suggestion, eingeengte Lebensumstände und Lust und Last der Liebe nutzt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Österreich/ Deutschland/ Luxemburg  2014
Regie & Buch: Jessica Hausner
Darsteller: Birte Schnöink, Christian Friedel, Stephan Grossmann, Sandra Hüller, Katharina Schüttler
Länge: 96 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 15. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

Henriette Vogel (Birte Schnöink), lebt im Berlin des frühen 19. Jahrhunderts eine in allen Bereichen geregelte Existenz. Zusammen mit ihrem Mann Friedrich (Stephan Grossmann) hat sie eine Tochter, die zusammen mit der Mutter bei Abendgesellschaften Lieder vorträgt, Gesellschaften, die streng nach den Riten der gutbürgerlichen Konventionen verlaufen. Dass die Obrigkeit androht, Steuern für alle Bürger einzuführen, ist häufiges Gesprächsthema und führt zu dem durch die französische Revolution aufgekommenen Gedanken nach persönlicher Freiheit.

Dieses Thema beschäftigt auch den Dichter Heinrich (Christian Friedel), der bald häufiger Gast bei den Vogels ist. Unzufrieden mit dem Leben im Allgemeinem, seinem eigenen im Besonderen, in dem er als Autor nicht den Erfolg hat, den er zu verdienen glaubt, ist Heinrich von einem großen Wunsch getrieben: Zusammen mit einem geliebten Menschen aus dem Leben zu scheiden, um zumindest im Moment des Todes vereint zu sein. Als seine gute Freundin Maria (Sandra Hüller) ihm diesen Wunsch verwehrt, fällt Heinrichs Blick auf Henriette. Nach und nach überzeugt er sie von seinen Absichten, doch erst als Ärzte bei Henriette ein unheilbares Geschwülst diagnostizieren, willigt sie ein, gemeinsam mit Heinrich aus dem Leben zu scheiden.

Kein einziges Mal fällt in Jessica Hausners „Amour Fou“ der Name Kleist, doch dass es um den deutschen Dichter geht, der in seinem kurzen Leben versuchte, zwischen Weimarer Klassik und Deutscher Romantik seinen Platz zu finden, ist unübersehbar. 1811 verübte Kleist im Alter von 34 Jahren am heutigen Wannsee in Berlin tatsächlich Selbstmord, nachdem er zunächst Henriette Vogel erschossen hatte. Die genauen Umstände des geradezu rituellen Aktes sind weitestgehend offen, Abschiedsbriefe gab es nicht, so dass die Fiktion alle Möglichkeiten hat.

Kein Zufall also, dass Hausners Henriette an die Hauptfigur ihres letzten Films „Lourdes“ erinnert, eine Frau, der in der Wahlfahrtstätte ein Wunder widerfährt, ein Wunder, das vielleicht nur Folge von Autosuggestion ist. Und auch in „Amour Fou“ wird das Wesen der Henriette als formbar geschildert. Anfangs noch voll und ganz zufrieden mit ihrer geordneten Existenz, beginnt sie durch den Einfluss Heinrichs bald ihr ganzes Leben in Frage zu stellen. Der melancholische Dichter bietet sich als Ausweg an, doch gleiches gilt auch umgekehrt: Anfangs ist Henriette als Selbstmordpartnerin nur zweite Wahl für Heinrich, doch bald steigert er sich so in seine angebliche Liebe für Henriette rein, dass er keinen Zweifel mehr an seinen Gefühl hat.

Wie Hausner hier eine Frau als Spielball eines Mannes inszeniert, als zurückhaltendes Wesen, die sich ganz den Wünschen eines Mannes unterwirft, macht „Amour Fou“ schließlich zu einem feministischen Film. In der rituellen Gesellschaft der Zeit, in der jede Bewegung, jede Begegnung streng den Regeln folgt, sind es besonders die Frauen, die sich unterzuordnen haben. Der Ausbruch, den Henriette versucht, ist so von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wirklich zugehört wird ihr von keinem der Männer ihres Lebens, wirklich ernst genommen wird sie nie, auch nicht als Tote.
 
Michael Meyns