An ihrer Stelle

Bei den Filmfestspielen in Venedig sorgte dieser Film 2012 für einen Beinahe-Skandal. Denn Regisseurin Rama Burshtein traut sich, das Leben in einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde zu zeigen, ohne es in Bausch und Bogen zu verurteilen. Burshtein ist selbst chassidische Jüdin. Versucht hier ene religiöse Eiferin, ihre frömmelnden Ansichten unters Volk zu bringen? Mitnichten. „An ihrer Stelle“ ist ein vielschichtiges Drama und erlaubt einen faszinierenden Blick in eine verschlossene Welt. Die Hauptdarstellerin Hada Yaron wurde in Venedig als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Webseite: www.anihrerstelle-derfilm.de

Originaltitel: Fill the Void
Israel 2012
Buch und Regie: Rama Burshtein
Darsteller: Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg, Chaim Sharir, Razia Israely, Hila Feldman
Länge: 90 Minuten
Verleih: NFP marketing & distribution, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 11. Juli 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein spannende, respektvoller Blick in eine Welt, wie sie sonst nie gezeigt wird."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Shira (Hadas Yaron) und ihre Mutter schleichen an Supermarktregalen entlang und linsen um die Ecke. Ist er das? Ist das Shiras zukünftiger Ehemann? Die junge Frau ist eine „Charedi“, sie gehört einer strenggläubigen jüdischen Gemeinde in Tel Aviv an. Ihre Welt wird durch religiöse Rituale und Traditionen bestimmt. Eines dieser Rituale ist die Eheanbahnung, bei der die Eltern den zukünftigen Partner vorschlagen. Allerdings ist es an den Kindern, zu entscheiden. Zur Ehe gezwungen werden sie nicht. Shira ist begeistert, der Auserwählte gefällt ihr. Aber das Schicksal entscheidet anders. Ihre Schwester stirbt bei der Geburt ihres Kindes. Damit die Familie nicht völlig auseinanderbricht, macht Shiras Mutter einen unmöglich erscheinenden Vorschlag: Shira soll ihren verwitweten Schwager Yocahy (Yiftach Klen) heiraten.

Die Geschichte klingt haarsträubend, und man erwartet, dass eine Regisseurin, eine Frau der modernen Welt, hier verurteilend Stellung bezieht. Aber „An ihrer Stelle“ ist eben kein Film, dem seine Lesart schon eingeschrieben ist, der dem Zuschauer seine moralische Entrüstung gleich mitliefert. Obwohl es ein Leichtes wäre, die Praktiken und Ansichten der Charedim („Gottesfürchtigen“) vorzuführen. Männer gehen in dieser Welt oft keiner Arbeit nach, sondern vertiefen sich ganz in das Studium der Thora. Frauen sind oft besser ausgebildet, arbeiten und verdienen das Geld, können sich aber nicht frei entfalten und sind ihren Männern gegenüber zu Gehorsam verpflichtet.

Rama Burshtein studierte Film in Jerusalem, wurde tief religiös und lebt seither selbst in einer Gemeinde von Charedim. Über ihren ersten Spielfilm sagt sie: „Ich glaube, die einzige Möglichkeit, eine Brücke zwischen der religiösen und der säkularen Welt zu schlagen, ist unvoreingenommene Aufrichtigkeit. Der gemeinsame Nenner muss in den Herzen der Menschen gefunden werden.“ Diesen Weg geht sie mit „An ihrer Stelle“.

Einerseits zeigt der Film scheinbar aus der Zeit gefallene Bräuche und Traditionen, die sich inmitten unserer modernen Gegenwart halten. Er erlaubt einen Blick in eine echte Parallelgesellschaft, und entsprechend spielt „An ihrer Stelle“ größtenteils in geschlossenen Räumen. Nur selten wagt er sich auf die Straße, und wenn, dann trennt eine sehr flache Tiefenschärfe die Figuren von ihrer Umwelt. Burshtein leugnet nie die Enge ihrer Welt. Und sie zeigt die Rolle, die der Frau zugedacht ist. Vor allem bei Ritualen bleiben sie stets demütige Zaungäste.

Andererseits geht es Burshtein nicht um Ideologie, sondern um Menschen. Sie zeigt Menschen, die auf ihre Weise versuchen, mit dem Leben umzugehen. Die beinahe an einem tragischen Unfall verzweifeln, mit ihrem Glauben hadern und die Möglichkeiten des Weiterlebens ausloten müssen. Das macht ihre Figuren trotz aller Fremdheit der Kleidung und des Verhaltens so unmittelbar verständlich. Tatsächlich zeichnet diesen Film ein hohes Maß an Aufrichtigkeit aus, die seinen Bildern ganz unmittelbar eigen ist und sich in einer faszinierenden Vieldeutigkeit niederschlägt. Die Figuren dieser Geschichte machen es sich nicht leicht, sie leiden und kämpfen für ein kleines Stück privaten Glücks. Ob ihr Weg der richtige ist, behauptet Burshtein an keiner Stelle. Im Gegenteil: Der Zweifel schreibt sich fort bis in das großartige, letzte Bild. „An ihrer Stelle“ zeigt eine fremde Welt. Aber deren Bewohner sind Menschen, mit denen wir mitleiden.

Oliver Kaever

Tel Aviv. Die Stadt ist mondän, geschäftig, säkular, modern. Aber es gibt auch noch, und zwar in einer stattlichen Größe, die orthodoxe chassidische jüdische Gemeinde. Für sie ist die Thora, die Bibel, der Plan, nach dem ihre Mitglieder leben. Sie warten auf den Erlöser. Sie erkennen Israel als Staat nicht an. Sie schotten sich von der übrigen Welt ab. Sie halten sich an ihre ihnen von alters her auferlegten strengen Vorschriften, auch was das Verhältnis von Mann und Frau, von Liebe, von Ehe betrifft.

In einer Familie wird das Purim-Fest wird gefeiert. Esther, die älteste Tochter, ist schwanger. Ihr Mann Yochai freut sich mit allen anderen auf das Kind. Es wird ein Junge, und der wird Mordechai heißen. Die jüngere Schwester, Shira, ist 18.

Esther stirbt bei der Geburt, das Kind ist wohlauf. Tagelang wird um die Verstorbene getrauert. Und doch wird Yochai eines Tages wieder eine Mutter für den kleinen Mordechai brauchen. Vielleicht zieht er nach Belgien, denn da kennt er eine Frau. Seine Mutter aber sagt, sie würde die Trennung von ihrem Sohn nicht überstehen.

Sie bringt Shira ins Spiel. Das Mädchen hat aber bereits einen Mann in Aussicht. Bei den Chassidim ist es nicht so, dass die Verliebtheit, die Gefühle, die eigene Entscheidung gilt. Oft wird die Ehe nicht erzwungen aber arrangiert. Der Rabbiner hat dabei ein gewichtiges Wort mitzureden. So jedenfalls bei diesen streng orthodoxen Juden.

Jetzt folgt ein dramatischer Passus. Was wird aus dem „Zwang“ der Mutter? Was wird aus Belgien? Was wird aus dem Kind? Was wird aus den schmallippigen Gesprächen zwischen Yochai und Shira? Was sagt der Rabbi? Wie endet es?

Eine für „Außenstehende“ hoch interessante Sache. Filmisch einfach, weil ja die Berührung mit der übrigen Welt sehr eingeschränkt ist. Aber mit welcher Konsequenz und welcher Präzision das Leben dieser Menschen gezeigt wird, das ist schon eindrucksvoll. Welche Bedeutung der Religion zukommt; wie streng getrennt Männer und Frauen leben; welche beneidenswerte Frömmigkeit diese Menschen aufweisen; wie sie trotz der zahlreichen engen Thora-Anweisungen im Vertrauen auf Gott miteinander fröhlich sein können – hier wird es für den, der dafür Interesse aufbringt, künstlerisch vorbildlich demonstriert – und gespielt.

Thomas Engel