Ana, Mon Amour

Fast schon von klassischen rumänischen Themen kann man angesichts des neuen Films von Calin Peter Netzer sprechen, der vor vier Jahren für „Mutter & Sohn“ den Goldenen Bären gewonnen hatte. In „Ana, mon Amour“ erzählt er von einem Paar, dessen Beziehung im Lauf der Jahre Höhen und Tiefen durchlebt und auch an den Schatten der Vergangenheit scheitert.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Rumänien 2017
Regie: Calin Peter Netzer
Buch: Calin Peter Netzer, Cezar Paul Badescu
Darsteller: Mircea Postelnicu, Diana Cavallioti, Carmen Tanase, Vasile Muraru, Tania Popa, Igor Cars Romanov
Länge: 127 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: Herbst 2017

AUSZEICHNUNGEN:

Silbernen Bär / Berlinale 2017 für Filmeditorin Dana Bunescu für eine "Herausragende Künstlerische Leistung"

FILMKRITIK:

Das sie beim ersten Treffen über Nietzsche sprechen ist nicht das einzige Ungewöhnliche an der Begegnung zwischen Toma und Ana, beide Studenten, beide jung und doch belastet durch die Geschichte, durch ihre Eltern, durch die Erbschaft eines Landes, das erst vor kurzem der Diktatur entkommen ist. Während aus einem Nebenzimmer Sexgeräusche zu hören sind, hat Ana einen Anfall, unbestimmte Magenschmerzen plagen sie, und werden sie noch jahrelang verfolgen, während sich ihre Beziehung entwickelt und schließlich zugrunde geht.
 
Was wir hier sehen ist möglicherweise eine Rückblende, vielleicht auch nur eine Erinnerung von Toma, der auf der Coach seines Psychiaters liegt, die Beziehung zu Ana ist vorbei, seine Haare sind inzwischen deutlich lichter als der ungestüme Lockenschopf, den er in den zeitlich früheren Szenen der Geschichte trug. Jahrelang war es Ana, die bei einer Psychotherapeutin nach Antworten auf ihre Störungen suchte, die von einer mal inzestuösen, mal missbräuchlichen Beziehung zu ihrem Vater berichtete, die kaum problematischer war, als das Verhältnis von Toma zu seinen Eltern.
 
Seit Jahren sorgt das rumänische Kino für Furore, begeisterten Regisseur wie Cristi Puiu, Cristi Munteanu, Radu Jude oder eben Calin Peter Netzer, der für „Mutter & Sohn“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Fast offensichtlich und schematisch wirkt jener Film im Vergleich zu „Ana, mon Amour“, dessen einziges etwas unsubtiles Element die auffällig wechselnden Frisuren der Hauptfiguren sind, mit denen die unterschiedlichen Zeitebenen verdeutlicht werden.
 
Fließend wird zwischen der Gegenwart und unterschiedlich weit zurückliegenden Vergangenheiten hin- und hergeschnitten (Cutterin Dana Bunescu wurde für ihre Arbeit mit einem Silbernen Bären auf der Berlinale 2017 ausgezeichnet), Bezüge zwischen heute und gestern angedeutet, vor allem die Frage aufgeworfen, inwiefern die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst.
 
Und genau dies ist das Thema des zeitgenössischen rumänischen Kinos, das immer wieder davon erzählt, wie die Ceausescu-Diktatur und die mit ihr einhergehende Korruption die Menschen prägte und auch heute, inzwischen ein Viertel Jahrhundert nach dem Tod des Diktators noch beeinflusst. Tief sitzt das Misstrauen in Demokratie, das Gefühl, ausschließlich selbst für das Wohlergehen seiner Familie verantwortlich zu sein und auch illegale Methoden anwenden zu müssen, um Erfolg zu haben.
 
Fließend sind dabei die Übergänge zwischen breiteren gesellschaftlichen Entwicklungen und der persönlichen Ebene, die bei Netzer im Zentrum steht. Gleich beide Eltern bzw. Stiefelternpaare von Ana und Toma sind gelinde gesagt zerrüttet und übertragen – zwar unbewusst aber unausweichlich – ihre Verhaltensweisen auf die nächste Generation. Fast schon fatalistisch wäre das zu nennen, wenn es nicht so faszinierend, so genau und klug und wahrhaftig beobachtet wäre, wie es Netzer in seinem herausragenden Film tut.
 
Michael Meyns