Anders essen – Das Experiment

Überbewirtschaftung, Massentierhaltung, Waldrodung – nur drei von unzähligen Problemen, die immer mehr verhindern, dass wir im Supermarkt blindlinks zugreifen können. Der Trend geht zu saisonalem und regionalem Obst- und Gemüseverzehr, Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte sowie genauer Information über die Herkunft der Lebensmittel. Doch kann das auf Dauer wirklich den Planeten retten? Kurt Langbein und Andrea Ernst nehmen in ihrem Dokumentarfilm „Anders essen – Das Experiment“ das Thema Ernährung genauer unter die Lupe.

Website: langbein-partner.com

Österreich 2020
Buch und Regie: Kurt Langbein & Andrea Ernst
Verleih: Langbein & Partner Media / Die Filmagentinnen
Länge 84 Min.
Start: 27. Februar 2020

FILMKRITIK:

Drei Familien, ein Ziel: die eigene Ernährungsweise so umstellen, dass am Ende nicht schon wieder unser Planet sowie dessen endliche Ressourcen die Leidtragenden sind. Die Autoren und Regisseure Kurt Langbein und Andrea Ernst haben die Familien Kovacs, Richter und Allain über mehrere Wochen gefilmt, zunächst ihre Gewohnheiten genau unter die Lupe genommen und anschließend bei der Umgewöhnung in eine umweltbewusste Ernährung begleitet. Dabei steht die Frage im Raum, ob und inwiefern Fleischverzicht oder das ausschließliche Kochen mit Bio-Kost wirklich etwas am Status Quo verändern können. An Überfischung, Massentierhaltung oder CO2-Ausstoß. Wie individuell kann Umweltschutz bei der Ernährung sein? Reicht es nicht schon, nur am Wochenende Fleisch zu essen? Oder müssen wir alle Vegetarier werden, damit sich die Ressourcen des Blauen Planeten überhaupt nochmal erholen können? Viele Fragen, auf die „Anders essen – Das Experiment“ jedoch bemerkenswert einfache Antworten bietet.

Denn eine Universallösung bieten die Filmemacher nicht. Das ist bei einer derart komplexen Thematik aber auch gar nicht möglich. Stattdessen liefern sie dem Zuschauer drei Familien als Identifikationsfiguren an die Hand, deren Versuche, der Umwelt zuliebe ihre Essgewohnheiten zu überdenken, individuelle Inspiration liefern können. Da wäre zum Beispiel die Familie Kovacs: Gabor Vajda und Nikolette Kovacs haben zwei Söhne, Marton und Abris. Die vier leben in Österreich, zuhause werden oft Fertiggerichte serviert. Nach einem langen Arbeitstag muss es schnell gehen; sowohl in der Küche als auch im Supermarkt. Doch schon beim Versuch, palmölfrei einzukaufen, gerät Nikolette an ihre Grenzen. Ganz anders Familie Richter, mit den Eltern Martin und Claudia sowie den gemeinsamen Kindern Jonas, Lisa und Moritz. Die Älteste Lisa lebt seit Kurzem vegetarisch, die anderen finden das (noch) komisch. Doch wäre mit dem Verzicht auf Fleisch nicht auch der Erde geholfen? Ganz anders in Frankreich, wo Eric und Delphine Allain gemeinsam mit den Kindern Myriam, Marc, Colline und Luc leben. Für sie ist ein ausgiebiges Abendessen Pflicht; nicht nur für die Nahrungsaufnahme, sondern auch zum gemütlichen Beisammensein. Und weil man sich der aktuellen Ernährungskrise bewusst ist, überlegen die Allains schon lange, ihren Fleischkonsum zu reduzieren…

Die Grundkonstellation einer im Mittelpunkt stehenden Familie mit mehreren Kindern ist immer gleich. Doch anhand jeder Protagonisten-Family werden unterschiedliche Probleme und Thematiken beleuchtet. Im Rahmen der Fertigkost liebenden Kovacs‘ geht es für einen Abstecher in eine Tiefkühlpizza-Fabrik. Anhand der Allains zeigen die Filmemacher auf, mit was für einem Bewusstsein die Franzosen ihr Essen genießen, während die Richters vorwiegend Massentierhaltung und Fleischverarbeitung zum Schwerpunkt haben. Es fühlt sich ein wenig so an wie eine XXL-Ausgabe der ProSieben-Wissenssendung Galileo; so abwechslungsreich und anschaulich zeigen Langbein und Ernst die verschiedenen Dimensionen von Ernährungsproblematiken aus. Und mittendrin wird anhand eines Beispielfeldes, auf dem veranschaulicht wird, wie viel von welchem Getreide, Gemüse und Co. in welchen Produktionsabschnitt fließen, gezeigt, wie schon kleine Veränderungen diese Verteilung beeinflussen können. Eine Lebensmittelkonsum-Exkursion auf der Leinwand, sozusagen.

Dass die Verantwortlichen dabei auf den mahnenden Zeigefinger verzichten und stattdessen lieber auf Augenhöhe mit dem Publikum kommunizieren, erleichtert den Zugang zur Materie. Letztlich geht das Thema natürlich alle etwas an, doch nicht jeder ist – sowohl zeitlich als auch geldlich – dazu in der Lage, teures Fleisch zu kaufen, nur mit Bio-Kost zu kochen oder vergleichbare Veränderungen anzustreben. Doch schon das Bewusstmachen für Probleme kann dazu beitragen, dass man nicht mehr bloß Billigessen in den Einkaufswagen schaufelt, sondern sich stattdessen bewusst mit der eigenen Ernährung auseinandersetzt. Das beste Beispiel dafür ist der Einkauf der Familie Kovacs, die einmal explizit auf Palmöl verzichten sollen – und dabei feststellen, dass das Öl, für das regelmäßig riesige Urwaldflächen gerodet werden, in so ziemlich jedem Produkt (und eben nicht nur in Nuss-Nougat-Crem) vorkommt. Das ist viel subtiler als bloß ein weiteres Mal Bilder von in Ställen zusammengepferchten Mastschweinen zu zeigen, wenngleich natürlich auch diese Aufnahmen ordentlich an die Nieren gehen.

„Anders essen – Das Experiment“ wird vielleicht seinem Titel nicht ganz gerecht, da es hier nicht zwingend darum geht, Familien bei einem Ernährungsexperiment zuzusehen. Stattdessen geht es darum, Ernährungsweisen im Allgemeinen unter die Lupe zu nehmen und sie mit Wissen ob der Hintergründe zu Entstehung und Co. anzureichern. Als solcher Film ist die 84-minütige Dokumentation mehr als gelungen.

Antje Wessels