Animals – Stadt Land Tier

Das Psychodrama „Animals – Stadt Land Tier“ lief 2017 in der Berlinale-Sektion Forum, was ein erster Hinweis auf seine experimentelle Erzählweise ist. Der Film des polnischen Regisseurs Greg Zglinski („Kein Feuer im Winter“) beginnt als Beziehungsdrama und entwickelt sich rasch zum Psychotrip auf den Pfaden eines David Lynch. Narrative Unklarheiten und mysteriöse Dopplungen, abrupte Perspektivwechsel und Anleihen ans Horrorgenre lenken das Augenmerk auf die Inszenierung als solche. Und die strahlt viel Faszination aus.

Webseite: filmkinotext.de

OT: Tiere
Schweiz, Österreich, Polen 2017
Regie: Greg Zglinski
Drehbuch: Jörg Kalt, Greg Zglinski
Darsteller: Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair, Mona Petri, Mehdi Nebbou, Michael Ostrowski
Laufzeit: 95 Min.
Verleih: FilmKinoText
Kinostart: 16. November 2017

FILMKRITIK:

Die Ehe von Anna (Birgit Minichmayr) und Nick (Philipp Hochmair) kriselt, denn Anna vermutet richtig, dass Nick mit der Nachbarin Andrea (Mona Petri) ins Bett geht. Um ihre Beziehung zu retten, nehmen die Kinderbuchautorin und der Koch eine Auszeit auf einer Schweizer Alphütte. Anna will dort ihren ersten Erwachsenenroman schreiben, Nick sucht im Umland nach regionalen Rezepten. Während der Autofahrt in die Schweiz kollidieren die Eheleute mit einem Schaf, das mitten auf der Straße steht. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt beziehen sie scheinbar unversehrt ihr Feriendomizil, doch mit ihrer Wahrnehmung stimmt irgendetwas nicht. Anna glaubt, erst seit einem Tag in der Schweiz zu sein, Nick spricht von mehreren Tagen. Und das ist erst der Anfang einer Reihe von Irritationen.
 
Während der Abwesenheit von Anna und Nick bewohnt Mischa (abermals Mona Petri) die Wiener Wohnung des Ehepaars. Auch hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Nach einem Sturz auf den Hinterkopf behandelt Tarek (Mehdi Nebbou) Mischa, wobei ihr auffällt, dass der Arzt nur neun Finger hat. Bei einem späteren Date erscheint Tarek jedoch mit zehn Fingern… Dann steht der Blumenhändler Harald (Michael Ostrowski) vor der Tür. Der Exfreund der Nachbarin Andrea, die inzwischen aus dem Fenster gesprungen ist, verwechselt Mischa mit seiner Geliebten…
 
Klingt vertrackt? Ist es auch. Regisseur Greg Zglinski und der 2007 verstorbene Drehbuchautor Jörg Kalt schaffen kaum Klarheit, sondern reichen die Verwirrung der Figuren ans Publikum weiter. Was hier real ist und was eingebildet, bleibt in der Schwebe. Zglinski erweist sich als höchst unzuverlässiger Erzähler, der die etablierte Erzählung immer wieder niederreißt: Einmal unterhält sich Nick mit Anna, die vor ihm am Tisch sitzt – einen Schnitt später steht Anna plötzlich im Nebenraum und Nick weiß ebenso wenig wie das Publikum, was hier gerade passiert ist. „Animals – Stadt Land Tier“ wirkt wie ein filmisches Puzzle mit fehlenden Teilen. Für Interpreten mag das frustrierend sein, doch während des Filmschauens entwickelt das ständige Miträtseln einen ganz eigenen Reiz.
 
Man fühlt sich an die Werke von David Lynch („Lost Highway“) erinnert, die ja ebenfalls über die Atmosphäre funktionieren und nicht über eine logische Handlungsführung. Mit unheilvoller Musik, verbotenen Türen und der Rätselhaftigkeit des Geschehens bedient sich Greg Zglinski beim Horrorgenre. Leitmotivisch tauchen immer wieder Tiere auf. Erst das Schaf, das Nick und Anna überfahren, dann ein Vogel, der in der Almhütte so oft gegen die Wand fliegt, bis er tot zu Boden fällt. Und schließlich eine sprechende schwarze Katze, die Anna ins Gewissen redet…
 
Was das alles zu bedeuten hat, bleibt ungewiss. Zwar streut Greg Zglinski regelmäßig Hinweise auf eine mögliche Lösung des Rätsels ein, letztendlich ergeben die zeitlichen, räumlichen und sprachlichen Verwirrungen aber keinen unmittelbaren Sinn. Was bleibt, ist ein stilistisch reizvolles Verwirrspiel, das die manipulative Kraft filmischer Inszenierung auf die Spitze treibt: Erst behauptet der Regisseur jenes, dann etwas anders – und auch das gilt nicht lang. Die Tür zu einer klaren Deutung bleibt verschlossen.
 
Christian Horn