Anne Clark: I’ll walk out into Tomorrow

Sie ist eine der Pionierin der New Wave Musik, ist bekannt für ihre kapitalismuskritischen Texte, die sie eher spricht als singt und steht nun im Mittelpunkt von Claus Withopf Dokumentation „Anne Clark: I'll walk out into Tomorrow.“ Vielfältiges Material aus mehreren Jahrzehnten hat Withopf zusammengetragen, das ein vielschichtiges Porträt einer erstaunlichen Künstlerin ergibt, die mit der Kraft ihrer sensationellen Poesie und explosiven Sounds die Musikwelt auf den Kopf gestellt hat. Ein außergewöhnlicher, musikalisch hochinteressanter Film für eine außergewöhnliche Künstlerin.

Webseite: www.neuevisionen.de

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie & Buch: Claus Withopf
Länge: 81 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 25. Januar 2018

FILMKRITIK:

Die Britin Anne Clark ist zweifellos eine Ausnahmekünstlerin. Es geht in diesem Dokumentarfilm um ihre Biographie, um ihre Musik und vor allem um ihre Poesie.

Als sie noch jung war, 20, 21, wurde ihr erster Erfolg ihr von einer Plattenfirma kaputt gemacht. Erst hatte sie viel Geld und dann keines mehr. Sie floh. Wohin? Nach Norwegen in eine Art Exil – eine ziemlich lange Zeit.

Doch sie kam zurück. Sie ist ein viel zu aktiver, expressiver, rebellischer, künstlerischer und kreativer Mensch, als dass sie aufgegeben hätte – auch wenn sie, aus Arbeiterkreisen stammend, es nicht leicht hatte, wie sie sagt. Zum Beispiel scheint die Mutter keine besonders liebevolle Frau gewesen zu sein.

Mit ihren Bands kreierte sie musikalisch vieles: New Wave, Techno, Punk, Elektronisches. Sie singt, sie rezitiert, sie improvisiert, sie zitiert, sie sucht neue Formen und Techniken. Das Volk jubelt, wenn sie „Our Darkness“ oder „Sleeper in  Metropolis“ vorträgt. Sie ist ebenso einzigartig wie kritisch. Mit Kommerz hat das wenig zu tun. Am schönsten ist es, wenn sie poetisch wird. Ihre Lyrik ist ebenso vielsagend wie wunderbar.

Jahrelang hat der Regisseur Anne Clark begleitet. Er hat als Gegenstück zur Kunst der Sängerin eine eigenwillige filmische Ausdrucksform gesucht – und auch gefunden.

Eine außergewöhnliche Künstlerin und ein außergewöhnlicher, musikalisch hochinteressanter Film.

Thomas Engel

Zehn Jahre lang hat Claus Withopf Anne Clark immer wieder getroffen, Interviews mit der britischen Künstlerin geführt, die seit Anfang der 80er Jahre Musik macht, hat sie bei Proben mit ihrer Band, Konzertauftritten und den Aufnahmen zu einem Album beobachtet. Schon vor etlichen Jahren veröffentlichte Withopf einen Teil des Materials als Konzertfilm „Anne Clark Live“, nun also das eigentlich Ergebnis seiner langjährigen Arbeit, das vielleicht gerade angesichts der Fülle des Materials seltsam erratisch, fast wie eine Rohversion wirkt.
 
In manchen Momenten wirkt „Anne Clark: I'll walk out into Tomorrow“ wie eine klassische biographische Dokumentation, in der chronologisch der Werdegang einer Person beschrieben wird. In diesem Fall sieht man da Anne Clark in ihre britische Heimat zurückkehren und Orte ihrer Kindheit besucht. In sozial schwierigen Umständen wuchs sie auf, abseits des britischen Bürgertums, was eine Karriere als Künstlerin praktisch unmöglich machte. Doch in den 70er Jahren veränderte die Punk-Bewegung vieles, laienhafte Bands waren plötzlich gefragt, Anderssein wurde zu einem kommerziell vermarktbaren Merkmal.
 
In dieser Szene fasste auch Anne Clark Fuß, organisierte Konzerte, trat bald selbst auf, mit gesprochenen Texten, die sie bald mit elektronischer Musik unterlegte, im Zuge der New Wave-Bewegung, die die Musik der 80er Jahre prägte. Bald hatte Clark jedoch genug von den ausbeuterischen Strukturen der Musikszene und zog sich für einige Jahre nach Norwegen zurück, ein offenbar einschneidendes Erlebnis, das ihren Blick auf die Welt veränderte, der im Film allerdings ebenso kurz abgehakt wird, wie eine Faszination für deutsche Kunst.
 
Ganz aus dem Nichts erwähnt Clark da plötzlich eine Liebe zu Poeten wie Rilke, statt englischer Texte flackern hier Zeilen auf Deutsch über die Leinwand, doch in eine künstlerische, emotionale Entwicklung eingeordnet wird auch dieser Moment nicht.
 
Im Gegensatz zu den meisten biographischen Dokumentationen kommt ausschließlich Anne Clark zu Wort, was man als konsequente Entscheidung betrachten könnte, einen bewussten Verzicht auf allzu oft rein lobende Aussagen von Freunden und Weggefährten. Andererseits fehlt dadurch auch eine Einordnung von Anne Clarks Kunst und Einfluss, ein Blick von außen, eine andere Perspektive. Zwar äußert sich Clark in den vielen, offensichtlich zu ganz unterschiedlichen Zeiten aufgenommenen Gesprächen, die Withopf mit ihr führte, freigiebig über ihr Leben und ihre Musik, wirklich nah kommt man ihr jedoch nicht.
 
Stückwerk bleibt „Anne Clark: I'll walk out into Tomorrow“ allzu oft, ein mäandernder Zusammenschnitt aus ganz unterschiedlichem, oft spannendem Material, dass der künstlerischen Bedeutung, dem Einfluss von Anne Clark allerdings nur ansatzweise gerecht wird.
 
Michael Meyns