Annie

Mit „Annie“ kehrt ein Musical- und Filmklassiker in zeitgemäßer Verpackung samt aufgefrischter Story zurück. Die Neuverfilmung spielt im New York des Jahres 2014 und lockt mit einem überaus namhaften Cast (Cameron Diaz, Jamie Foxx, Rose Byrne). In der Hauptrolle brilliert zudem einmal mehr der lachende Wirbelwind Quvenzhané Wallis, die für ihren Auftritt in „Beasts of the Southern Wild“ seinerzeit als jüngste Darstellerin überhaupt eine Oscar-Nominierung erhielt. Ebenfalls gründlich modernisiert präsentieren sich die Musicaleinlagen, von denen die meisten als eingängige Popsongs neu arrangiert wurden.

Webseite: www.annie-film.de

USA 2014
Regie: Will Gluck
Drehbuch: Will Gluck, Aline Brosh McKenna nach dem Bühnenstück von Thomas Meehan
Darsteller: Quvenzhané Wallis, Jamie Foxx, Cameron Diaz, Bobby Cannavale, Rose Byrne
Musik: Greg Kurstin
Laufzeit: 118 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 15.1.2015
 

FILMKRITIK:

Hollywoods Musical-Tradition ist eine lange, voller musikalischer Höhepunkte, großen Publikumserfolgen und viel beachteten Adaptionen meist renommierter Broadway-Aufführungen. Dabei war das Zielpublikum jedoch meist ein erwachsenes. „Annie“, der gleichnamige Broadway-Hit um eine junge Waise, die im New York der 1930er Jahre bei der bösen Miss Hannigan aufwächst und später das Herz des schwerreichen Industriellen Warbucks erobert, ist eine seltene Ausnahme. Von der Bühne ging es für die lebenslustige Annie schon bald ins Kino, wo ihr Schicksal ebenfalls Millionen kleiner und großer Besucher tief bewegte. Mehr als drei Jahrzehnte später versucht sich Komödienregisseur Will Gluck („Einfach zu Haben“), an einer zeitgemäßen Neuinterpretation der Geschichte. Statt zur Zeiten der von Massenarbeitslosigkeit geprägten Großen Depression spielt seine „Annie“ im quirligen, hektischen New York des Jahres 2014.
 
Annie – hier verkörpert von der Oscar-Nominierten Quvenzhané Wallis, die im Independent-Erfolg „Beasts of the Southern Wild“ ihr gewaltiges schauspielerisches Talent erstmals unter Beweis stellen durfte – ist auch keine Waise mehr, sondern ein Pflegekind, das als Baby von seinen Eltern vor einem Restaurant zurückgelassen wurde mit dem Versprechen, eines Tages sie wiedersehen zu dürfen. Bis es soweit ist, wächst die stets fröhliche Annie zusammen mit anderen Kindern bei ihrer Pflegemutter Miss Hannigan (Cameron Diaz) auf, die statt Muttergefühlen vor allem den Ehrgeiz entwickelt, möglichst viel Kindergeld vom Staat zu kassieren. Es ist das Gegenteil eines wohlbehüteten Zuhauses, in dem die Mädchen davon träumen, später einmal zu einer echten Familie zu gehören. Der Zufall will es, dass sich Annies Weg mit dem des Selfmade-Milliardärs und Bürgermeister-Kandidaten Will Stacks (Jamie Foxx) kreuzen soll. Dessen Managerin (Rose Byrne) und Wahlkampf-Chef (Bobby Cannavale) erkennen, dass das Mädchen für Stacks seine bislang missratene Kampagne retten könnte. Und so zieht Annie kurzerhand in Stacks’ Luxus-Penthouse mit Blick über New York ein, wo sie den durchgeplanten Alltag des Mobilfunk-Unternehmers gewaltig durcheinander wirbelt.
 
Neuverfilmungen bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen der gewollten Modernisierung eines Stoffes und einem Rückgriff auf bewährte und bekannte Elemente. Mit der „Annie“ von 1982, in der noch Albert Finney den anfangs kaltherzigen Großindustriellen auf seine ganz besondere Art interpretierte, ist zudem eine Generation aufgewachsen, die heute meist selbst Eltern ist und mit ihren Kindern im Kino auf die „neue“ Annie trifft. Das und die ungeheure Popularität der ersten Kinoversion setzte Gluck und seine Co-Autorin Aline Brosh McKenna durchaus einem gewissen Erwartungsdruck aus. Modern erscheint ihr filmischer Ansatz, der sich weg von den Bühnenwurzeln des Stücks bewegt und das heutige New York als Annies großen Abenteuerspielplatz nutzt. Das Tempo ist hoch und die Optik selbst in den eher nicht so schönen Ecken der Stadt meist eine aus Hochglanz. Die geliebten Musicalnummern der Vorlage wie „Tomorrow“ oder „Maybe“ erhielten analog zur Annies Biografie eine zeitgemäße, sehr poplastige Verpackung mit treibenden Beats, für die sich Musikkünstler Greg Kurstin („The Bird and the Bee“) und Australiens Superstar Sia verantwortlich zeichneten. Hinzu kamen drei neue Songs, die sich problemlos in die alten Nummern einfügen.
 
In der synchronisierten Fassung gehen deren Rhythmus und Sprachgewalt allerdings deutlich verloren. Es hakt hier und da, wenn beispielsweise ein Songklassiker wie „It’s a Hard-Knock Life“ mit „Das Leben ist voll krass“ übersetzt wird. Vielleicht sollten Eltern von etwas älteren Kindern daher lieber die deutsch untertitelte Originalversion besuchen. Dafür sind die Spielfreude und der Charme von Naturtalent Quvenzhané Wallis egal in welcher Sprache ansteckend. Auch die Hollywood-Stars Jamie Foxx, Rose Byrne und vor allem Cameron Diaz entwickeln einen sichtlichen Spaß am Overacting, Singen und Tanzen. Und spätestens wenn Annie ihr rotes Kleid zum ersten Mal anzieht, kehrt der Zauber des Originals in neuem Gewand zurück.
 
Marcus Wessel