Another Year

„Was war der glücklichste Moment Ihres Lebens?” – auf die Frage der besorgten Psychologin kommt nur ein leises „Was meinen Sie damit?“ einer verzweifelten Frau zurück. So beginnt „Another You“ das neue Werk des britischen Altmeisters Mike Leigh („Happy-go-lucky“). Unglücklich sind einige der traurigen Figuren in seinem Werk – und dennoch gerät der Film nie zum deprimierenden Jammertal. Mit unglaublicher Leichtigkeit gelingt es Leigh, seine schweren Themen zu servieren: Vermasseltes Leben, Verlust, Einsamkeit, enttäuschte Hoffnungen – „Unhappy-goes-Unlucky“ gewissermaßen! Der ganz große Festival-Liebling von Cannes ging bei den Palmen zwar überraschend leer aus – die einhellig euphorischen Kritiken dürften der warmherzigen Alltags-Dramödie im Kinoalltag freilich reichlich Publikuminteresse verschaffen.

Webseite: www.anotheryear.de

GB 2010
Regie: Mike Leigh
Kamera: Dick Pope
Darsteller: David Bradley, Jom Broadbent, Karina Fernandez, Oliver Maltman, Lesley Manville, Ruth Sheen, Imelda Staunton, Peter Wight
Laufzeit: 129 Minuten
Verleih: Prokino Filmverleih
Kinostart: n.n.

PRESSESTIMMEN:

Großes, lebenssattes Menschlichkeitskino, das ähnlich glücklich macht, wie es gute Freunde vermögen.
STERN

Unaufgeregt, mit zartbitterem Humor und unendlich viel Klasse.
KulturSPIEGEL

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FILMKRITIK:

Aufgeteilt in die vier Segmente der Jahreszeiten wird vom Ehepaar Tom und Gerry erzählt – deren Name nicht zufällig wie das Cartoon-Duo klingt. Die beiden führen eine zuckersüße Ehe: Sie hilft als Psychologin den Armen, er arbeitet als Geologe. Der Alltag der beiden ist von zärtlichem Miteinander bestimmt: Kochen, gärtnern, plaudern, alles passiert in voller Harmonie. Bei ihren Bekannten sieht die Sache weniger rosig aus: Gerrys Kollegin Mary hadert mit ihrer Einsamkeit und ertränkt die Single-Sorgen gern im Wein – mit bisweilen fatalen Folgen. Toms übergewichtigem Jugendfreund Ken geht es kaum besser, „Better drinking than thinking“ trägt er als programmatischen Spruch auf seinem T-Shirt. Schließlich ist da noch Bruder Ronnie, der den Tod seiner Frau nicht verwindet. Tragische Schicksale, zerborstene Lebensentwürfe – Leigh zeigt dieses Kaleidoskop des (Un)Glücks mit großer Wärme und Wahrhaftigkeit und entwickelt, grandiosen Schauspielern sei Dank, ein sehr bewegendes Drama.

Vordergründig betrachtet passiert nicht berauschend viel in dieser elegant einfädelten, episodenhaften Familiengeschichte. Und doch tun sich hier, wie nebenbei, ganze Welten auf. Das liegt zum einen am psychologisch präzisen Drehbuch, das auf jeden überflüssigen BlaBla-Ballast verzichtet, das ohne dramaturgische Schlaglöcher souverän die Spannung hält und die Balance zwischen Trauer und Komik nie verliert. Zum anderen verdankt das Werk seine furiose Wirkung einem famosen Ensemble – starke Akteure waren schon stets die Asse im Spiel des britischen Altmeisters. Bereits der Auftakt mit Imelda Staunton als depressiver Dame gerät zur kleinen Offenbarung – nur wenige Minuten lang, und schon ein intensives Drama für sich allein. Bei den anderen Akteuren funktioniert diese Methode des Minimalismus ähnlich überzeugend: Ein paar Pinselstriche genügen, und man hat gleich das ganze Bild vor Augen. Mit solch glaubhaften Figuren fühlt man gerne sofort mit, gerade so, als wären es alte Bekannte. Ebenfalls vertraut die Themen: Furcht vor Einsamkeit, Fluchten in Alkohol, Neid oder die Probleme des Gönnen-Können von Glück. Die Kamera von Leighs langjährigem DOP Dick Pope fängt all die kleinen Gesten und Blicke der Schauspieler unaufdringlich ein, fast beiläufig ändert er das Farbkonzept für jede Jahrszeiten-Saison.

Die Leichtigkeit des Seins war selten Thema des Mike Leigh – ein neues Level der eigenen Leichtigkeit hat er mit „Another Year“ allemal auf betörende Weise erreicht. Kluges Kino, das sein Publikum mitnimmt und dabei so nachhaltig wie bewegend wie komisch daherkommt.

Dieter Oßwald

Gerri und Tom sind ein schon etwas älteres, friedliches, ausgeglichenes, einander in Liebe zugetanes Ehepaar. Sie ist Therapeutin im örtlichen Gesundheitsamt, er ist Geologe. Ihr Sohn Joe ist um die 30.

„Ein Jahr mehr“ heißt der Film, und um den Verlauf eines Jahres, um die Jahreszeiten, um das ganz normale alltägliche Leben geht es.

Probleme werden eigentlich eher von außen an die beiden herangetragen. Von Mary etwa, einer Arbeitskollegin von Gerri. Mary ist depressiv, hat keinen Mann, trinkt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Oder von Ken, der ebenfalls Alkoholiker ist, mit Mary gerne anbandeln würde, aber abgewiesen wird. Oder von dem erzürnten Carl, Sohn des Tom-Bruders Ronnie, dessen Frau gerade beerdigt werden muss.

Gerri und Tom versuchen dennoch, sich nicht aus ihrer Lebensart und ihrem Lebensrhythmus bringen zu lassen. Zum Beispiel in ihrem Schrebergarten, den sie im Frühjahr bestellen und in dem sie im Herbst ernten. Oder auch mit der Freude an ihrem Sohn, der jetzt endlich Katie als (von Mary schief angesehene) Freundin hat.

Handlung kann man nicht nennen, was in diesem Film passiert. Aber es gibt in sehr einnehmender Form Stimmungen, Gespräche, Sorgen, Ausfälligkeiten, echte Dialoge, Trauer, Unmut.

Wie Mike Leigh dies alles schildert: die Jahreszeiten, die menschlichen Befindlichkeiten, die stille normale Liebe zwischen Gerri und Tom, das Vorbeifließen der Zeit, das Älterwerden, das Glück des Sohnes mit seiner Katie, den Zustand derer, die das Leben weniger gut auf die Reihe kriegen wie etwa Mary und Ken, oder auch die humorig-britische Seite – das ist mit Sensibilität, Natürlichkeit, meisterlicher Beobachtungsgabe, unaufgeregter Dramatik, Lebensweisheiten und in stillem Fluss zustande gebracht, so dass man staunt und sich einbezogen fühlt.

Jim Broadbent (Tom), Ruth Sheen (Gerri) oder Leslie Manville (Mary) machen vor, wie so etwas glaubhaft wird. Aber Mike Leigh wusste auch, warum er Oliver Maltman (Joe), Peter Wight (Ken), Karina Fernandez (Katie) oder David Bradley (Ronnie) und Martin Savage (Carl) verpflichtete.

Ein meisterhaft stilles Drama, das gar keines sein will, sondern nur „Ein Jahr mehr“.

Thomas Engel

Weitere Pressestimmen:

"Mike Leigh sieht dem Leben bei der Arbeit zu: Ein älteres Ehe­paar, Gerry und Tom, sie Psycho­login, er Ingenieur, kümmert sich um die Schiffbrüchigen, die ihnen anvertraut sind – ein paar alte Freunde, sein verwitweter Bruder. Im Zentrum steht Mary, eine Kollegin aus Gerrys Klinik, die nichts auf die Reihe bekommt, hysterisch durchs Leben taumelt, das Alleinsein nicht aushält… Wie furchtbar das für sie ist, das ist in in jeder Sekunde nachvollziehbar. Wie jede Szene rund und voll­kom­men wirkt, die Kamerafüh­rung einen mitnimmt in diese Runde von Menschen, die man am Ende gar nicht mehr verlas­sen will, wie die Räume von ihren Bewohnern erzählen – daran spürt man, dass in ‘Another Year’ ein großer Regisseur am Werk ist.”
Süddeutsche Zeitung

“Mike Leighs Filme zählen zum Besten und Klügsten, was das europäische Kino der vergange­nen dreißig Jahre zu bieten hat. Dieser in allen Belangen wunder­bare Film sagt uns nichts, was wir womöglich nicht schon wüssten, und er erzählt auch keine Ge­schichte im herkömmlichen Sinn. Mit ungeheurer Behutsamkeit und unbedingter Liebe zu jeder seiner Figuren zeigt er uns vielmehr, was wir täglich um uns haben, in einem neuen, klareren und dazu tröstlichem Licht: Vergänglichkeit und Freundschaft, Tod und Le­ben.”
(Berliner Zeitung)

“Eine Anleitung zum Glücklich­sein: Mike Leighs hellwacher, sensibler Blick schärft die Sinne derart, dass man fast glaubt, das Kino könne einen lehren, ein besserer Mensch zu werden… Frühling, Sommer, Herbst, Winter: ein ganz normales Jahr ganz normaler, bereits ein wenig vom Dasein erschöpfter Leute. Man möchte ihnen stundenlang zu­schauen.”
Der Tagesspiegel

“Wie man den Glücksquotienten steigert: Mike Leigh gelingt es, mit Alltäglichem zu fesseln. Mit einer Meisterschaft erzählt er genau das, was der Titel sagt – wie ein Jahr im Leben vergeht –, und bringt dabei sein umwerfen­des Schauspielerensemble dazu, unser ganzes Interesse auf den Alltag der Figuren zu lenken. Frühling, Sommer, Herbst und Winter verbringen wir mit Gerri und Tom, beide eher alt als jung, in lässiger Harmonie verbunden, sehen ihnen bei der Gartenarbeit zu, beim Kochen, dabei, wie sie mit ihren Freunden und ihrem erwachsenen Sohn umgehen, alles bleibt im Alltäglichen. Und hält uns dennoch völlig gefangen. Weil wir diesen Menschen dabei zusehen können, wie sie es mit dem Älterwerden halten, wie die einen sich sträuben, die anderen einfach mitgehen, wie Trauer Teil der Normalität wird und Sehn­süchte zum Fluch, wie ein Glück möglich ist, dem offenbar nicht nur ein Arrangement zugrunde liegt, die einfachen Dinge des Lebens eben, ohne Anstrengung und ohne Dramatik erzählt.”
Frankfurter Allgemeine Zeitung

“Mike Leigh, der seine Dreh­bücher mit den Darstellern ent­wickelt, erreicht inzwischen eine fast beängstigende Vollkommen­heit: "Another Year" hat Dialoge wie von Harold Pinter und Bilder wie bei Joseph Losey. Ein Mei­sterwerk.”
Frankfurter Rundschau

“Dass die beiden Gutmenschen nicht nerven in all ihrer Fürsorg­ichkeit, ist eines der vielen klei­nen Wunder, die Leigh in diesem Film gelingen. Sein Film strahlt eine menschliche Wärme aus, von der man noch lange zehrt, nachdem man das Kino verlassen hat.”
Der Spiegel