Anton Bruckner – Das verkannte Genie

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Betont unsentimental und erzählerisch konventionell, aber gleichzeitig sehr detailliert und hintergründig schildert Regisseur Rainer Moritz den Werdegang des österreichischen Romantik-Komponisten Anton Bruckner. Die gleichnamige, mit vielen interessanten Interviews angereicherte Doku rückt einen lange unterschätzten und missverstandenen Ausnahmekünstler ins Zentrum der Betrachtung, dessen Einfluss auf die klassische und die Kirchenmusik erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewürdigt wurde.

Website: www.arsenalfilm.de/bruckner/

Deutschland 2019
Regie: Rainer E. Moritz
Länge: 95 Minuten
Kinostart: 23.07.2020
Verleih: Arsenal

FILMKRITIK:

Der Organist und Musikpädagoge Anton Bruckner (1824 – 1896) zählt heute zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik. Besonders berühmt ist Bruckner für seine Werke der Kirchenmusik (u.a. drei große Messen) und seine komplexen Sinfonien. Doch erst spät erhielt er diese Anerkennung: Zeitlebens von Kritikern ebenso wie von Komponistenkollegen verkannt, wurde Bruckner die ihm zustehende Würdigung erst lange nach seinem Tod zuteil. Regisseur Rainer Moritz folgt in seiner musikhistorischen Doku „Anton Bruckner“ Bruckners wichtigsten Lebensstationen und ordnet die Bedeutung seines Werks für die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ein.

Moritz geht mit seiner Doku keine Risiken ein und schildert den Werdegang des Ober-österreichers Bruckner betont schlicht sowie streng chronologisch. Aber er geht gleichsam sehr detailliert vor und arbeitet konzentriert all jene Prägungen und essentiellen Ereignisse im Leben des Anton Bruckner heraus, die seine Persönlichkeit ebenso wie seine kompositorischen Fähigkeiten formten. Dazu zählen seine Jahre als Sängerknabe im Stift Sankt Florian (eines der größten barocken Klöster Österreichs), die Zeit in Kronstorf (Raum Linz), während der Bruckner seine Liebe zu Bach entdeckte, sowie seine langjährige Tätigkeit als Organist im Linzer Alten Dom.

All diese Wirkungsstätten sucht Moritz auf und vermittelt dem Zuschauer so einen authentischen Eindruck dieser für Bruckner, der Zeitlebens von einem großen Anerkennungs-streben angetrieben war, so wichtigen Orte. In den (vor allem akustisch) gelungensten Momenten hört man einige der größten Schöpfungen Bruckners in den beeindruckenden Bauten und Gotteshäusern, in denen er selbst wirkte: Zum Beispiel wenn der aktuelle Hofkapellmeister Hans Haselböck an der Orgel im Stift Sankt Florian spielt. Oder der russische Dirigent Valery Gergiev gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern in der Stiftskirche die Sinfonien Bruckners erklingen lässt. Auf diese Weise verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart auf wunderbare Weise. Der Zuschauer kommt in den Genuss von Auszügen aus bedeutenden Orgel- (etwa der „Fuge in d-Moll“) sowie Orchesterwerken (die „8. Sinfonie“).

Moritz bedient sich zwar von Beginn an auch konventioneller, altbewährter und damit wenig überraschender Elemente des Dokumentarfilms (Interviews, alte Zeichnungen und Fotografien, Original-Dokumente wie Notenblätter u.a.) allerdings wählt er diese klug aus. So ist die Unterschiedlichkeit und Vielzahl an zu Wort kommenden Bruckner-Experten beeindruckend. Moritz spricht nicht nur mit Biographen und Musikwissenschaftlern sondern auch mit Dirigenten (darunter Kent Nagano und Simon Rattle), Musikern, Museumsmitarbeitern, Liedpianisten, Professoren und Pädagogen.

Denn nicht zuletzt ist es dem Filmemacher wichtig herauszustellen, dass der „große Improvisator“ Bruckner nicht nur als Komponist, sondern ebenfalls als Musikpädagoge bzw. Lehrer für Musiktheorie Entscheidendes geleistet hat. „Er hat Musik als Wissenschaft verstanden“, formuliert es an einer Stelle der Schauspieler Cornelius Obonya, der an klug gewählten Stellen im Film alte Pressezitate über Bruckner vorträgt.

Björn Schneider