Anything

Mit dem Drama „Anything“ hat der amerikanische Schauspieler und Regisseur Timothy McNeil sein gleichnamiges Theaterstück aus dem Jahr 2007 für die Leinwand adaptiert. Dabei geht es dem Kinodebütanten weniger um die Inszenierung als um die innere Entwicklung eines trauernden Manns, der sich in eine Trans-Frau verliebt. Der versierte Charakterdarsteller John Carroll Lynch („The Founder“) liefert die für die zurückgenommene Herangehensweise nötige eine starke Performance ab.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2017
Regie & Drehbuch: Timothy McNeil
Darsteller/innen: John Carroll Lynch, Matt Bomer, Maura Tierney, Margot Bingham, Michael Boatman, Tanner Buchanan, Meghan Leone Cox
Laufzeit: 94 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 9. Mai 2019

FILMKRITIK:

„Anything“ beginnt voller Schwermut: Impressionen eines vertrauten Ehepaars, dann nur noch der Mann, ein Mittfünfziger, im weißen Anzug mit leerem Blick. Die Frau ist tot, Autounfall. Es kommt zum Äußersten: Der Mann schneidet sich in der Badewanne die Pulsadern auf.
 
Als Early (John Carroll Lynch) im Krankenhaus aufwacht, eröffnet seine Schwester Laurette (Maura Tierney) ihm zwei Möglichkeiten: Entweder muss er wegen des Suizidversuchs in eine Psychiatrie oder zu Laurette nach Los Angeles ziehen. Early tut zweiteres, sucht sich aber bald nach der Ankunft im feinen Haushalt der Schwester eine eigene Wohnung im Problembezirk Hollywood. Die dortige Nachbarschaft besteht unter anderem aus dem Drogen-Pärchen Brianna und David (Margot Bingham, Micah Hauptman) und der transsexuellen Prostituierten Freda (Matt Bomer). Early und Freda tragen ihre jeweils eigenen Päckchen mit sich herum und werden Freunde. Doch als mit der Zeit mehr daraus entsteht, trifft die Beziehung auf harsche Ablehnung durch Earlys konservative Schwester Laurette – und bringt den trauernden Early ins Grübeln.
 
Timothy McNeil, der mit „Anything“ seinen ersten Kinofilm inszeniert, setzt bei der filmischen Gestaltung auf übersichtliche Aufnahmen und gediegene Schnitte. Während im Inneren der Figuren einiges in Bewegung gerät, bleibt die Machart durchweg unaufgeregt und im besten Sinn unspektakulär.
 
Die reduzierte Inszenierung lenkt den Blick umso mehr auf das starke Ensemble, das für das Gelingen des Dramas von höchster Bedeutung ist. Matt Bomer (Remake zu „Die glorreichen Sieben“) tritt als Trans-Sexarbeiterin Freda in die Fußstapfen von Jared Leto, der für seine ähnliche Rolle in „Dallas Buyers Club“ einen Oscar erhielt – geschmälert wird der Auftritt allenfalls durch die Klischees rund um Sucht und Verzweiflung, die McNeils Drehbuch der transsexuellen Figur zuschreibt. Ebenfalls überzeugend spielt Maura Tierney („Beautiful Boy“) die überfürsorgliche bis aufdringliche Schwester, die zwischenzeitig alle Sympathien verliert, um schließlich doch wieder mit Menschlichkeit zu überraschen.
 
Im Zentrum steht indes der Charaktermime John Carroll Lynch, der auch als Regisseur („Lucky“) arbeitet. Lynch ähnelt dem 2013 verstorbenen James Gandolfini („Die Sopranos“) nicht nur äußerlich, sondern spielt auch auf eine vergleichbare Weise: Mit Wucht und Dringlichkeit dahinter, aber ohne dabei viel Tamtam zu machen.
 
Die Freundschaft und Liebe zwischen den verlorenen Seelen Early und Freda stößt nicht nur bei Laurette auf Ablehnung, die von vornherein meint: „Hollywood ist nichts für dich, Early.“ Auch Fredas Kolleginnen vom Straßenstrich sehen die aufkeimende Beziehung skeptisch: „Er gehört nicht zu uns.“ Zudem verunsichert die Zuneigung zu Freda auch Early selbst, der sein Leben lang heterosexuell war und überdies seine gestorbene Frau betrauert. Verwechselt der Mann Liebe mit Freundschaft, weil Freda ihm bei der Rückkehr ins Leben zur Seite stand? Und was muss er sein, um mit Freda zusammen sein zu können? Schwul, bisexuell, sonstiges? Man möchte ihm zurufen: Sei einfach nur Early! Aber ja: Das ist oft leichter gesagt als getan.
 
Christian Horn