Apocalypse Now: Final Cut

Es ist die dritte Fassung von „Apocalypse Now“, die Francis Ford Coppola in die Kinos bringt. Schon 2001, als er 49 Minuten neues Material in „Apocalypse Now: Redux“ einfügte, erklärte er häufig, dass dies nicht die definitive Version seines Films sei, wohl aber die vollständigste. Der Erzählfluss dieser Geschichte, in der ein Mann einen Fluss bereist, weil er losgeschickt wurde, um einen abtrünnigen Colonel aus dem Verkehr zu ziehen, erschien ihm zu holprig. Mit „Apocalypse Now: Final Cut“ gibt es nun das Beste beider Welten – der Film ist länger als die Kinofassung, aber kürzer als „Redux“.

Webseite: www.studiocanal.de

USA 1979/2019
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola, John Milius
Darsteller: Martin Sheen, Marlon Brando, Dennis Hopper, Harrison Ford
Länge: 184 Minuten
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 15. Juli 2019

FILMKRITIK:

Captain Willard (Martin Sheen) ist ein Killer, der schon häufig losgeschickt wurde, um missliebige Personen aus dem Weg zu räumen. Nun trägt man ihm auf, einen Fluss zu befahren, der aus Vietnam herausführt. Im angrenzenden Kambodscha hat Colonel Kurtz (Marlon Brando), einst einer der größten Soldaten des Landes, sein Lager aufgeschlagen, nachdem er der Armee den Rücken gekehrt hat. Offiziell will man ihn aus dem Verkehr ziehen, weil er mehrere Morde zu verantworten hat, eigentlich aber, weil die US-Armee einen Mann wie ihn nicht einfach schalten und walten lassen kann. Die Reise wird für Willard zur Herausforderung.
 
Als Francis Ford Coppola im Jahr 1979 seine Kinoversion von „Apocalypse Now“ präsentierte, da ging er einige Kompromisse ein und entfernte viele Passagen, von denen er fürchtete, sie könnten für ein normales Publikum zu eigenartig sein. Er hatte sich bei der problematischen, Budgets und Zeitpläne überschreitenden Produktion des Films selbst verschuldet und war darauf angewiesen, dass er im Kino Erfolg hat, wenn er nicht selbst daran finanziell zugrunde gehen wollte.
 
Gut 20 Jahre später fügte er das weitere Material – immerhin knapp 50 Minuten – in „Apocalypse Now: Redux“ wieder ein, war sich dabei aber sehr wohl bewusst, dass dies nicht zugleich die beste Version des Films war, weil sie zu lange lief und erzählerisch zu uneben war. Dass er eine weitere Version abliefern würde, hätte aber kaum jemand erwartet. Der Film sollte aber technisch neu bearbeitet werden. Erstmals wurde ein 4K-Scan vom Originalnegativ gefertigt und die Audiospur komplett überarbeitet und für Dolby Atmos optimiert. Zugleich hatte Coppola damit aber auch die Gelegenheit, seine finale Version zu erstellen. Er studierte alte Schnitte des Films, die noch auf Betamax vorhanden waren und sah, wo er beim Schnitt falsch lag und was er berichtigen musste. Damit einher ging ein Reevaluieren von REDUX, weswegen die neue Version etwa 20 Minuten weniger Laufzeit hat.
 
Die grandiose Szene mit der französischen Plantage, die erstmals in REDUX zu sehen war, ist immer noch vorhanden, ebenso die humorige, in der Willard das Surfbrett von Kilgore stiehlt. Eine andere Szene fiel jedoch der Schere zum Opfer: Als der Trupp mit dem kleinen Boot auf den Hubschrauber mit den Playboy-Bunnies trifft. Dieser musste notlanden, weil der Sprit ausging. Die Soldaten helfen gerne aus – für zwei Stunden „privater Zeit“ mit den Mädchen.
 
„Apocalypse Now: Final Cut“ ist in Bild und Ton intensiver. Man erkennt in der Schwärze der Nachtszenen mehr denn je, Coppola achtete aber darauf, dass Marlon Brando nicht nur im Finale des Films bei seinem großartigen Monolog dennoch kaum mehr als eine Silhouette ist.
 
Über die Wirkung des Films muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Dieser Abstieg in die Hölle, bei der jede Figur eine Veränderung durchmacht, bevor das Ziel in Kambodscha erreicht ist, ist von einer immensen Eindringlichkeit. Hypnotisch in seiner Wirkung, in den Bann ziehend, dem Zuschauer eine Welt zeigend, die in Chaos und Wahnsinn versunken ist – das alles ist in dieser finalen Fassung vorhanden und vielleicht wirkungsvoller als je zuvor, da die audiovisuelle Präsentation in dieser Form niemals zuvor möglich war. „Apocalypse Now: Final Cut“ ist in jeder Beziehung ein Ereignis, ein brachial-bildgewaltiges Werk von solcher Wucht, der man sich auch 40 Jahre später nicht entziehen kann. Im Kino ist „Apocalypse Now: Final Cut“ die ultimative Erfahrung.
 
Peter Osteried